Briefe von Hauptmann Erich Neuß - 24. Inf.-Div.


In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf das Buch von Herrn Dr. Werner Neuß aufmerksam machen:
Werner Neuß: Menschenfreund und Mörder - Himmlers Leibarzt Felix Kersten
(Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2010. ISBN: 3-866-34840-1)


Mein Vater, E.N. der am 8. Mai 1945 mit einem der letzten Lazarettschiffe dem Kurlandkessel entkam, hat, wie wohl viele seinesgleichen, über seine Erlebnisse im 2. Weltkrieg wenig gesprochen, jedenfalls gegenüber seinen vier Kindern. Wer nicht dabei gewesen ist, kann das alles nicht verstehen', äußerte er gelegentlich. Dabei war gerade er als Historiker, Archivar und nicht zuletzt als Autor mehrerer Bücher ein Mensch, der in den Erinnerungen lebte, der zu beobachten verstand und sich in der Regel über Gesehenes und Geschehenes auch Gedanken zu machen pflegte. So war er während des Krieges fest entschlossen, nach Kriegsende ein "Taurisches Tagebuch" über seine Erlebnisse als Soldat auf der Krim zu schreiben. In seinen Feldpostbriefen sammelte er dafür schon Material und seine Frau las daraus mitunter Freunden und Bekannten vor, die sich beeindruckt zeigten. So wurden sowohl seine Briefe wie auch die seiner Frau Ella über 5 Kriegsjahre hin von beiden sorgfältig gesammelt und aufbewahrt.
Doch die Verhältnisse während des vierzigjährigen Bestehens der DDR und die Ideologie der Machthaber, den selbst ernannten "Siegern der Geschichte", erlaubten nicht, an irgendeine Form der Auswertung oder Veröffentlichung zu denken.
Rund 25 Jahre nach dem Tode der beiden Eltern war es an der Zeit, einmal in die Briefmappen hinein zu schauen. Obwohl es der geistige Habitus der Briefeschreiber erwarten ließ, war die Überraschung doch groß, welch intensives Zeit- und Persönlichkeitsbild sich bei der Lektüre einstellte.
Neben den Kapiteln "Belgien", "Ukraine" und "Krim" ist das Kapitel "Kurland" die letzte Phase des Krieges, die E.N. erlebt. Da ohne eine kurze biographische Betrachtung seines Werdegangs für viele Leser die Briefauswahl doch wohl etwas fragmentarisch bleiben würde, möchte ich diese hier einschieben.
E.N., 1899 geboren, war noch 1917 in den 1.Weltkrieg gezogen. 1920 kam er aus französischer Gefangenschaft zurück, studierte Staatswissenschaften (Dr. rer. pol.) und wurde 1928 Stadtarchivar in Halle/S., aber 1933 von den Nazis nach dem sogen. "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" sofort aus dem Amt geworfen. Weitläufige Freunde intervenieren an "höchster Stelle", und die Stadt muss ihn 1937 wieder einstellen, allerdings in ein "geringeres Amt" und E.N. muss in die Partei eintreten. Aus diesem Pyrrhus-Sieg - "Es gibt noch Richter in Berlin" *) bildet E.N. sich ein - resultiert seine verhältnismäßig lang dauernde Loyalität gegenüber den Spitzen des NS - Staates, nicht jedoch gegenüber dem Partei-Apparat. 1939 absolviert er einen Res.-Offz. - Lehrgang und wird im Febr. 1940 eingezogen, zuerst an die belgische Küste. Im Febr. 1941 wird er Leutnant; gelangt im Mai 1941 nach Polen und ist beim Einmarsch in die SU dem Stab eines Feldersatz - Bataillons der 24. Infanterie-Division (Eisbär-Division) zugeteilt. Er marschiert zum Dnjepr (Tscherkassy) und schließlich zur Krim (Simferopol). Dort kommt es zur Bekanntschaft mit einer tatarischen Familie und zur Freundschaft mit jener Asime, von der die Rede sein wird. Sie pflegt ihn nach seiner Verwundung am 2. 3. 1942 im Lazarett und wird 1944 vor der Räumung der Krim nach Deutschland evakuiert. Erst im Juni 1943 ist E. N., mittlerweile Oberleutnant, wieder soweit hergestellt, dass er zur Division, die inzwischen südlich von Leningrad steht, zurück kann. Dort wird er als Div.- Betreuungsoffizier eingesetzt und Anfang 1944 zum NSFO (NS-Führungsoffizier) gemacht, was er angesichts seiner Erfahrungen von 1933 für einen "Treppenwitz" hält. Er bleibt es auch nur wenige Monate, weil ihn ein neuer Kommandeur, dem er und der ihm unsympathisch ist, des Postens wieder enthebt. E.N. ist darüber empört. aber seine Frau schreibt ihm sinngemäß: "er solle doch froh sein, dass er den Landsern nun nichts mehr vorlügen brauche". Im Nov. 1944 ist er Hauptmann, was auf den Kriegsverlauf von geringer Wirkung ist. 14 Tage vor Kriegsende bekommt er Schmerzen und Fieber, muss operiert werden und gelangt so auf das letzte Schiff, das den Hafen Windau am 8. 5. 1945 verlassen kann und drei Tage später heil in Kiel einläuft.

*) sagt Major Tellheim in Lessings "Minna von Barnhelm"

Dr. Werner Neuß





6. 7. 44

      Du kannst jetzt keine Nachricht bekommen, da z. Zt. alle Post gesammelt wird und nicht zum Feldpostamt gelangt. Ich schreibe aber trotzdem in der gewohnten Weise, weil es mir in vielfacher Weise ein Herzensbedürfnis ist. Es unterdrückt das eigene Bangen, das auch den Stärksten befällt und es hilft, einige Zeit hinzubringen und schließlich bin ich bei Dir.
Nachdem der Russe sich bei Ulla den Übergang über die Düna erzwungen hatte, rückte er auf Polodzk und darüber hinaus auf Dünaburg zu. Um diese Bewegung zu paralysieren, vollzieht sich eine Bewegung unserer zwischen Opotschka und Obol stehenden Divisionen, - im Bereich meines Blickfeldes in vollkommener Ordnung. Hie und da hat es Pannen gegeben, aber es ist nirgends zu Rückzugserscheinungen gekommen. Freilich enthüllte die Situation auch erbärmliche Charaktere unter den Offizieren. Ich gebe zu, dass man es manchmal selbst nicht leicht hat, den Kopf oben zu behalten, aber solche Kämpfe müssen sich hinter 7-mal verschlossenen Türen abspielen. Gestern ging es mir so, als ich hörte, dass russische Panzerspitzen vor Wilna stehen, also gleich weit von Königsberg, wie von dem oben genannten Ulla. Da dachte ich schon, dass es an der Zeit ist, Dir einen vorläufigen Abschiedsbrief zu schreiben, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich lebend in russische Gefangenschaft fiele. Doch wenn sich früh die Sonne über dem Nebel erhebt, sieht man die Dinge verständiger und vertraut dem Schicksal.
Tag und Nacht sind in ihrer Bestimmung verkehrt, - nachts marschieren wir, am Tag liegen wir unter tiefem Grün versteckt, dass uns kein Fliegerauge entdecken kann. Als ich mir neulich mein Fliegerdeckungsloch grub, entsprang auf dem Grunde ein kleiner erquickend kühler Quell. Ich wölbte noch Tannenzweige drüber und kühlte mir eine Flasche Wachauer Wein, die ich geschenkt bekommen hatte, trank diese doch ganz aus - in einem Glase - und las Homer dazu.


9. 7. 44

      Wir liegen immer noch im Wald und führen das Leben von Sommerfrischlern. Man bewegt sich wie im Traum durch himmlische Sommertage, die doch mit tödlicher Gefahr zum Bersten geladen sind. Meine Männer haben mir einen Tisch gezimmert und von irgendwo her einen Sowjet-Einheitsstuhl beschafft, ein Becher Rotwein steht vor mir. Unter mehreren Kisten Schnaps, die wir zugewiesen bekamen, befand sich eine mit hervorragenden Coté d'Or Burgunder.


13. 7. 44

      Den letzten Brief schrieb ich Dir aus einem Waldstück bei einem Ort namens Antonowa. Trotz Abmarschankündigung blieben wir noch einen ganzen Tag da, den ich Wein trinkend und lesend, einen höchst lustigen Berliner Roman "Krach im Hinterhaus", verbrachte. Jetzt sind wir in einem Wald bei dem in der Literatur so bekannten "Jassnaja Poljana", dem Besitz von Leo Tolstoi.
Der Tag wurde glühend heiß. Am schlimmsten hatten es die Pferde, die sich der Bremsen und Schnaken kaum erwehren können. Die russischen Hiwis rächen sich an den maikäfergroßen Bremsen, indem sie ihnen die Blütenkölbchen vom Simsengras in den Hintern stecken und die geschwänzten Ungeheuer dann fliegen lassen.
Die Nacht wurde durchritten, morgens gelangten wir auf einen alten Großherrschaftssitz, dessen Baulichkeiten von den Bolschewisten alle zerstört worden waren, nur den immensen Park mit seinen 300jährigen Lebensbäumen hatten sie nicht niedergelegt. Das Ganze hatten sie zur Kolchose "Karla Marksa" umgetauft, ein blutiger Hohn auf diese Schöpfung. Um 8 Uhr brachen wir wieder auf und gelangen nun in die 50 km tiefe Grenzzone, in der die Sowjets schon vor Jahren alle Dörfer dem Erdboden gleichgemacht haben, so dass sie nur noch dem Namen nach bestehen.
Im Sarjanka -Tal haben wir uns eingerichtet - eine Szenerie wie in Wallensteins Lager, nur die Marketenderinnen fehlen. Leider zieht schon wieder ein Gewitter auf und ich werde gleich ins Zelt verschwinden, wo ich z. Zt. Gerstäckers "Regulatoren von Arkansas" lese.


18. 7. 44

      Nun wirst Du von Deiner Süddeutschland - Reise zurückgekehrt sein, von der Du mir solch bezaubernde Ansichtskarte schicktest. Das schöne Stadtbild von Kitzingen musste ich immer wieder betrachten und es ermahnt mich in der Beständigkeit meiner Gesinnung - denn was hätte das alles noch für einen Sinn, wenn wir den Krieg verlören …
Ich hätte Dir schon geschrieben, hatte aber genug mit der eingegangenen Post zu tun, außerdem fesselte mich das Bismarck - Buch von Beumelburg*) wegen seiner klaren politischen Schlussfolgerungen und Mahnungen sehr, darüber kam für mich noch ein besonders kniffliger Auftrag, nämlich 40 to Munition aus den Feuerstellungen zurückzuholen, - aber gerade in solchen Fällen begleitet mich immer eine Art Erfolgsengel. Welche Anforderungen da an Pferd und Mensch gestellt werden müssen, das vermag sich so leicht niemand vorzustellen. Aber, wie gesagt, bei mir klappt's immer.
Obwohl wir bald das 50. Tieffliegerangriffs - Jubiläum feiern können, haben wir noch keinen Schaden erlitten. Gestern stürzte bei einem Angriff ein Fahrzeug um und war in 5 Minuten entladen, aufgerichtet und wieder beladen. Mittags überschritten wir die lettische Grenze …
Der Russe verblutet sich in nutzlosen Angriffen. Es ist hier kein Rückzug, sondern die geordnetste strategische Bewegung, die man sich denken kann. Keine Patrone bleibt liegen, kein Brückchen bleibt unzerstört. Nach Gefangenenaussagen muss der Russe in diesem Jahr zu Ende kommen, im nächsten geht's nicht mehr. Nur das Material ist's, mit dem er uns zur Zeit noch überlegen ist. Munition ist bei uns reichlich da, soviel, dass man wünschen möchte, dass unsere Artillerie mehr schösse, - man hat ihr schon 1940 den Vorwurf gemacht, dass sie zu wenig schießt. Auch die Verpflegung, einschließlich der Marketenderwaren, klappt ausgezeichnet.

*) Werner Beumelburg 1899 - 1963, schrieb 1932 "Bismarck baut das Reich", bekannter ist "Sperrfeuer um Deutschland"(1929); "Deutschland in Ketten (1931) - alle Bücher hatten im 3.Reich hohe Auflagen, da sie völlig auf der Linie der Nazis lagen


19. 7. 44

      Ich hatte mir, weiß Gott, so große Löcher in meine Unterhose geritten, gut, dass ich sie heute gegen eine neue von bemerkenswert guter Qualität umtauschen konnte. Ich selbst bin trotz der Narbe seltsam widerstandsfähig.*) Reiten geht fast besser als Sitzen, denn da muss ich eine dicke Decke auf der Kiste haben, die mir als Stuhl dient.
Nach dieser sonderbaren Einleitung, die mir so aus der Feder kam, - aber ich bin hier schrecklich einsam, - kein Mensch, zu dem in ein näheres Verhältnis zu treten, sich überhaupt lohnt. Der Schwadronschef - ein Textilfabrikant aus Grimmitzschau, der andere ein Dampfkessel-revisionsbeamter, ein dritter ist Polizeimensch in Grimma, und die meisten sind ziemliche Korinthenkacker und Hurenböcke. Ich will mich in keiner Weise über diese Wackeren erheben, die mir nichts zuleide tun, aber eine Brücke ist naturgemäß nicht da.
Beiliegenden Brief schrieb mir Asime,**) - Ob sie reisen darf, nachdem Reisen in Deutschland so sehr eingeschränkt worden sind? Wie will man diese Einschränkungen eigentlich kontrollieren. Da muss doch ein gewaltiger Apparat aufgezogen werden. Ob man ihr nicht mal ein Glas Marmelade, ein Stück Wurst schicken kann? - Was diese Menschen in Simferopol damals für mich getan haben, - ich kann das nicht vergessen.
Sobald es wieder gestattet ist, werde ich Dir das Buch von Beumelburg "Bismarck baut das Reich" schicken, - Du wirst es mit klopfendem Herzen lesen…
Ich will mir jetzt, zum Abendbrot, ein paar Heidelbeeren suchen. Mit den Mücken war's bisher, außer in Jassnaja Polnaja, nicht so schlimm.

*) E.N. hatte im März 1942 auf der Krim eine Granatsplitterverletzung am Gesäß erlitten
**) Asime Ablajewa, Krimtatarin, mit E. N. befreundet, wurde bei Räumung der Krim nach Deutschland evakuiert. Sie wollte Erichs Familie besuchen und hat dies auch geschafft



22. 7. 44

      Inzwischen hat uns die Weltgeschichte wieder einmal eine wahre Moritat vorgetragen und einen weiteren Beitrag zum ewigen Charakter der Deutschen gegeben: das Attentat auf den Führer. Ich habe meinen Männern gesagt, dass dies im allgemeinen wie im besonderen nichts Ungewöhnliches sei, war aber, da wir nur dürftige Nachricht erhalten hatten, des Glaubens, es sei von irgendwelchen Überbleibseln der Kommune ausgegangen. So aber - eine Generals- oder Adelsverschwörung ! - entweder waren diese Männer verrückt oder Erzreaktionäre oder sie haben die Nerven verloren oder sie sehen im Führer einen Wahnsinnigen. Aber nichts kann wahnsinniger sein, als in diesem Moment den Kampf aufzugeben und nicht abzuwarten, ob nicht doch der Erfolg auch die überkühnen Wagnisse der letzten Jahre rechtfertigt.
Die Truppe hat die Sache jedenfalls ohne negative Erschütterung aufgenommen, wie überhaupt unsere Division sich großartig schlägt - der gestern im Wehrmachtsbericht genannte Abschießer von 11 Panzern, der Stabsgefreite Unger, ist von unserer Division. Nur die lieben Nachbarn gehen immer wieder stiften und lassen Einbrüche zu. Wo wir uns genau befinden, weiß ich eigentlich gar nicht - eine Landschaft wie die Holsteinische Schweiz. Seit längerem hausen wir im Freien und fast täglich habe ich irgendeinen kniffligen Auftrag. Ich bin auch noch nicht ins Bequeme abgerutscht, bin zu frohgemut, zu unspießig, zeige zuviel Idealismus und - gewinne keinen Blumentopf damit. Man ist froh, jemanden zu haben, dem man jeden Auftrag ohne Sorge anvertrauen kann.
Meine Lektüre ist jetzt Rosenberg*) "Mythus des XX. Jahrhunderts". Es ist nie mein Ehrgeiz gewesen, bewegende Bücher sofort zu lesen und mich ihnen zu unterwerfen, erarbeite mir gerne die Dinge, es ist also die Lektüre nicht eine lächerlich späte.

*) Alfred Rosenberg *1893 , Hauptwerk "Mythus des XX.Jahrhunderts", "Beauftragter des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung uns Erziehung der NSDAP", wurde als Kriegsverbrecher 1946 in Nürnberg gehenkt.


25. 7. 44

      Es scheint, dass man mit größerer Aktivität als bisher dem bolschewistischen Vormarsch Widerstand leisten will, - es blutet einem aber auch das Herz um jeden Fußbreit dieses fruchtbaren und sauberen Landes, das so deutsch wirkt wie nur irgendwo in unserm Vaterlande. Man versteht, dass Deutsche sich hier über 800 Jahre wohl gefühlt haben, - die Spuren ihrer Arbeit sind nimmermehr zu verwischen. Vielleicht vermute ich richtig, dass das Attentat noch eine weit größere Unbedingtheit in unseren Kampf gebracht hat.
Was eigentlich in der Welt vorgeht, wissen wir nicht, die letzten Zeitungen sind drei, vier Wochen alt, unser Truppenempfänger ist kaputt, wir sind von allen Nachrichten abgeschnitten. Der Luftpostverkehr ist nun eingestellt worden. Er war ja auch überflüssig geworden (? - W.N.) Ich lese weiterhin Rosenberg, "Mythus" und komme nicht davon los.


27. 7. 44

      Ob Du den Brief, den ich vorgestern schrieb, je erhalten wirst, ist zweifelhaft. Ich glaube, er ist verloren. Wie das zuging? - Folgendermaßen: Wir Soldaten haben ja für jede Art von Knallerei ein gespitztes Ohr. Ob jemand aus Jux einen Schuss abfeuert oder einer in feindlicher Absicht auf uns abdrückt, das hören wir genau, und so schien uns, die wir 20 km von der Front an der Düna liegen, ein hohles Dröhnen von Abschüssen, das Rattern von MGs und schließlich ein Granateinschlag in unserem Biwak, reichlich verdächtig.
Ich rannte also an die 400 m entfernte Rollbahn, die bis auf zwei schnell laufende OT.-Arbeiter (OT. = Organisation Todt) menschenleer war, und sah sofort, was los war: 4 - 6 russische Panzer rollten, lebhaft feuernd, aus etwa 500 m Entfernung auf meinen Standpunkt zu. Abschuss und Einschlag waren nur noch ein einziger Knall. Einen Augenblick fühlte ich eine gewisse Weichheit in den Knien, im nächsten schon war ich nur Entschluss. Ich schritt (und lief nicht), um meine Gedanken zu sammeln, rief noch einem kopflos in wildestem Karacho auf die Rollbahn vorstürmenden Stabskompanietross zu, sofort umzukehren; - die dachten aber nur an Flucht und wurden dann elend zusammengeschossen, was ihre eigene Schuld war. Wir hatten bei dieser Kompanie vorgestern unsere Post abgegeben.
Ich befahl meiner Schwadron, deren größter Teil weiter vorn, also getrennt von mir war, sofort anzuspannen, erläuterte kurz die Lage und dann meine Absicht, nämlich im Schutz des Steilufers der Düna, unmittelbar am Fluss entlang nach Norden auszuweichen. Wir wussten ja nicht, ob es sich um die Spitze eines Durchbruchkeiles oder um einen abgebrochenen Pulk von Panzern handelte, der sich dann die nächsten zwei Stunden in nur 60 - 100 m Entfernung neben uns hielt.
Ich setzte alles auf die Karte meiner mit einem Blick gewonnen Geländekenntnis, war vollkommen ruhig, fast heiter, und setzte mich an der Spitze meiner aus 20 Fahrzeugen bestehenden Kolonne in Marsch. Panzerfäuste und das eine MG, das wir hatten, waren freigemacht. Ich ging als Pfadfinder und sichernd wie ein Fuchs voraus …
Auf der Rollbahn schoss es wie wild, sauste auch über unsere Köpfe hinweg. Wir hörten das Rasseln der Ketten und sahen durch die Büsche, wie die Panzer ab und zu anhielten, einzelne Iwans zwischen ihnen hin und her liefen, - aber sie bemerkten uns nicht.
Ein Teil jener oben genannten Stabskompanie, der sich uns angeschlossen hatte, wollte hier schon seine Fahrzeuge anzünden oder in die Düna fahren, hielt dann meine Unbeirrbarkeit für unabwägbare Kühnheit und machte, unbegreiflicherweise, kehrt …
Nach einer Stunde etwa kam eine Stelle, wo der Steilhang sehr nah an den Fluss herankommt und mir für die Fahrzeuge sehr bänglich wurde, und in der Tat stürzten die beiden größten und schwersten, der Verpflegungs- und der Schmiedewagen um. Und fast unmittelbar über uns Panzer auf der Straße. Hier entpuppte sich nun die Tüchtigkeit und Verlässlichkeit meiner Unteroffiziere, die erklärten, nicht eher von der Stelle zu weichen, bis die Wagen wieder flott wären. Ich baute aus den verfügbaren Gewehrträgern und dem MG eine Sicherung längs der Unfallstelle auf und in vierstündiger Arbeit gelang es uns - entladen, aufrichten, beladen - die Fahrzeuge wieder flott zu machen und uns die Russen vom Leibe zu halten. Die standen 40 m entfernt und fuhren sonderbarerweise nicht weiter, obwohl es ihnen gelungen war, zwei unserer 8,8 cm Flakgeschütze, die auf der Rollbahn aufgefahren waren, außer Gefecht zu setzen (wir nahmen nachher noch Verwundete mit).
Die zwei Panzer (einer vom Typ Sherman) und vier Sturmgeschütze hatten offenbar keine Verbindung mehr nach hinten. Die Besatzungen stiegen aus, hämmerten auch an ihren Kästen herum, wurden aber durch unser Feuer immer wieder hineingetrieben. Ihre Kanonen konnten uns nicht erreichen. Da wir bereits im toten Winkel lagen, feuerten sie immer in die Düna hinein. Wir andererseits konnten nicht mit unseren Faustpatronen heran, da vor uns deckungsloses Gelände lag …
Dann kam die kritischste Situation. Erst erschien ein Fieseler-Storch (mit einem General, dem ich nachher, als er gelandet war, meldete), nach einer Viertelstunde aber 7 Stukas, die mit Bomben und Bordwaffen klare Arbeit verrichteten. Bald brannten vier von den Ungetümen, zwei drehten in höchster Eile ab. Wir mussten bei der Nähe der Ziele unserer beschwingten Freunde die Köpfe mehr, als uns lieb war, einziehen. Zwei Zugmaschinen, die auf dem Kampfplatz erschienen waren, um jene beiden 8,8 cm Flak abzuschleppen, mussten dran glauben und verbrannten ebenfalls.
Um 1/2 4 Uhr nachmittags war ich dann mit Mann und Maus vermittels Fähre auf dem anderen Düna-Ufer, ohne auch nur einen Hufnagel eingebüßt zu haben, bezog dort in einem Wald Quartier, bereit, jederzeit wieder herüber zu gehen. Im Ganzen waren 7 Panzer durchgebrochen. Die Lücke hinter ihnen war wieder geschlossen worden, was ich natürlich in der Frühe nicht wissen konnte, sonst wäre ich seelenruhig im Park von Asjelera sitzen geblieben. Immerhin hatten wir 7 Stunden für 7 km gebraucht.
Am Abend ließ ich dann ein Kalb schlachten und einen Sack Zucker verteilen. Ein paar der Männer habe ich zu Auszeichnungen eingegeben, - aber denke nicht, dass ich einen (Orden) bekomme. Da muss man einen Fürsprecher haben, der für einen spricht oder - schwindelt.
Im Übrigen tue ich das Menschenmögliche, alles zum Besten zu wenden. Vielleicht hilft dazu auch die neue von Goebbels verkündete Kraftanstrengung, die uns endlich die paar hunderttausend jungen und noch jungen Funktionäre aller Sorten endlich an die Front bringt, - besonders für Ran - Ran - Naturen gibt's hier ein reiches Betätigungsfeld.
Ich lese immer noch Rosenberg "Mythus" - meine Achtung vor diesem klaren und kühnen Geist wächst mit jeder Zeile …


30. 7. 44

      Als ich gestern den Wehrmachtsbericht hörte, da war ich für ein paar Stunden ziemlich fertig. Merseburg bombardiert! Kämpfe vor Mitau! Nun, ich sammelte mich wieder. Es ist mir nicht um meinetwillen bange, aber was sollst Du, was sollen vor allem die Kleinen ohne mich anfangen, vielleicht in einer ganz veränderten Welt.
Niemand weiß, wie sich die Dinge entwickeln, aber Du sollst wissen, dass ich nur im Kampf untergehe und mich nicht in irgendein unermeßliches Elend und Demütigung sondergleichen begebe. Ich habe nur einen Wahlwunsch: entweder gesund zurückzukehren oder einen anständigen Soldatentod zu sterben. Im Übrigen ist bei uns, der 24. Division, noch alles in Ordnung. Wir mussten nur immer zurück, weil die Nachbardivisionen nicht hielten. Dabei kann man eigentlich von einem Mangel an Menschen nicht sprechen. Wenn man aber die Menge von lächerlichem Gelump sieht, das auf kleinsten Wagen im Tross mitgeführt wird, dann ist man freilich geneigt, von einem ganz schweren Organisations- oder Erziehungsfehler zu sprechen …
Vor zwei Wochen war nach einem Regentage ein Stück Rollbahn verstopft, nun stauten sich in Gluthitze die Fahrzeuge, darunter zahlreiche mit Verwundeten. Die, die laufen konnten, stiegen aus und schleppten sich die Rollbahn entlang und mussten dabei sehen, wie die Edelhuren mit Offizieren oder Portepee - Unteroffizieren in den Limousinen saßen, schäkerten und Zigaretten rauchten. Überhaupt hat unsere Propaganda einen großen Fehler gemacht, - statt die Masse mit Siegen zu verwöhnen, hätte man ihr von Anfang an Blut und Tränen als Preis des Erfolges klar machen müssen. Der Kardinalfehler unserer Politik war der Mangel an Geduld! Das, was man in 30 - 40 Jahren allenfalls erreichen konnte, musste durchaus in 10 Jahren sein. Doch hat dies Reden keinen Zweck, - sprechen wir von was anderem.
Wir befinden uns zwischen Dünaburg und Jakobstadt, 10 km vom westlichen Düna - Ufer, bei einem Ort, der Alkmenares heißt. Seit Wochen kommt keine Post.


31. 7. 44

      Drei Briefe von Dir erhielt ich heute, die sich an Deine Karte aus Kitzingen anschließen, einen Brief von Mutter und einen von Onkel Ludwig. Dessen Worte waren aber so voll von einem versteckten hämischen Defätismus, dass ich es für unter meiner Würde halte, darauf zu antworten.
Gewiss ist die Lage an der Ostfront ernst, aber nur für den, der sich selbst aufgibt. Der wirkliche Soldat bewährt sich erst nach oder in der Niederlage. Er weiß: gewaltige Anstrengungen und ein unter keinen Umständen versiegendes Vertrauen in die Führung sind der Preis für Sieg und endliche Bewährung. Deshalb kann mich auch noch nicht allzu sehr erschüttern, dass die Russen vor Mitau oder an der Ostsee sind, denn erstens kommen sie dadurch selbst zwischen zwei Feuer, und zweitens lässt sich die Versorgung der Heeresgruppe Nord auch über See bewerkstelligen. Ich schicke Dir einen Artikel aus unserer Feldzeitung, der mir manches erklärt, wenn seine Behauptungen über die Zusammenhänge des Führerattentats nicht bloß ablenkende Konstruktionen sind.
Seit dem letzten Brief sind wir 16 km nordwestlich gerückt, etwa 25 km südlich von Jakobstadt an der Düna.
Heute stellte ich sechs Anträge auf Verleihung des EK II an die Männer, die sich neulich beim Panzerdurchbruch ausgezeichnet haben. Ich bin gespannt, ob man an mich denken wird, denn ohne meine Kaltblütigkeit wäre der sich selbst überlassenen Trosshaufen in eine scheußliche Katastrophe geeilt. Aber Du musst nicht denken, ich sei irgendwie abhängig von solchen Erwägungen. Übrigens weht hier jetzt ein erfreulich frischer Wind. Die Massen der Nichtkämpfer und Nichtstuer in Riga und Reval werden endlich mobilisiert. Wir wollen hoffen, dass es nicht zu spät ist.
Eines ist mir völlig klar: der wahre Nationalsozialismus, das völlige Begreifen des Führers ist nur bei denen eingetreten, die in ihrem Wesen seit Jahrzehnten die Substanz hatten und die in ehrlichem Ringen die Dinge zu begreifen suchten. Wir brauchen uns dieser Haltung und unserer ernsten Kritik nicht zu schämen.


1. 8. 44

      Heute Vormittag war ich nach Hafer unterwegs, ein schwieriges und mich ankotzendes Problem - dieses Requirieren gegen wertlose Bescheinigungen und nutzloses Geld. Auf einem Hof Bumanis schenkte mir der Mann Honig; Hafer - Du ahnst nicht, was 240 Pferde fressen - konnte er mir nicht geben, den hatte soeben ein Kommandeur von der Artillerie abgeholt.
Ich sende Dir Mutters Brief mit (gegen ihr Verbot - Du wirst es ihr nicht sagen), auf dass Du den kleinen Teufel Erdmann*) wegen seiner Unworte mal zur Ordnung rufst, die er zwar nicht aus eigenem, aber doch mit einem gewissen Gefallen anbringt - genau wie sein Vater, der sich in etwa diesem Alter mit seinen Kumpanen in schrecklichem Fluchen und blutrünstigen Wünschen gefiel, - wie wollen wir ihm bloß austreiben, das Essen als "Dreck" zu bezeichnen?
Dass die beiden Kleinen etwas rüde sind ist nicht weiter verwunderlich, wer wäre das bei so freiem Aufwachsen nicht. Ich weiß noch, wie ich in meinem Elternhaus darunter gelitten habe, dass man natürliche Dinge nicht mit ihrem natürlichen Namen nennen durfte, sondern äußerst künstlich umschreiben musste.
Elisas**) Bein - es geht heute alles ein bisschen durcheinander - auf jeden Fall Obacht geben, denn so eine Wunde heilt doch sonst in ein paar Tagen. Ich hätte sie weiter baden und schwimmen lassen. Als ich in Pforzheim mit der offenen Wunde baden sollte, äußerte ich Bedenken wegen möglicher Infektion, aber Dr. Buch lachte und sagte, ich könne höchstens das Badewasser infizieren.

*) Erdmann. 9 Jahre, der zweitjüngste Sohn
**) Elisabeth 13 Jahre, die älteste der vier Kinder N.



2. 8. 44

      Ich bin wieder in den Divisionsstab berufen worden. Ich erhielt ein Schreiben, mich beim I b, dem Divisionsquartiermeister, einzufinden, fand die Abteilung schließlich in einem entzückend am See gelegenen Doktorat, und erfuhr, dass ich zum 2. Ordonnanzoffizier der Division ausersehen sei, also der nächste Mitarbeiter des Quartiermeisters (zum Verständnis: der I a bereitet alle taktischen Maßnahmen, also die Kampfhandlungen vor, der I b ist für die Versorgung mit Munition, Treibstoff, Nahrung etc, verantwortlich). Grund der neuen Berufung: der jetzige O 2 hat völlig versagt! Den hatte ich übrigens schon kennen gelernt, den Herrn Jordan aus Schlesien, als ich die Schwadron Anfang Juni drei Tage lang führte: blasierter Schnöseltyp, nicht ohne Intelligenz, aber schrecklich faul.
Ungern gebe ich das freie Leben mit den Pferden auf, aber ich konnte mich den guten Gründen nicht verschließen, außerdem wollte der General mich wieder im Stabe haben.
Ich habe Gelegenheit, unterwegs nach einem neuen Einsatzort, wieder nördlich der Düna, diesen Brief an einem Feldflugplatz abzugeben. Post kann anscheinend nur noch mit dem Flugzeug oder dem Schiff kommen.
Wir liegen auf einem ehemals deutschen Gutshof, wunderschön an einem See gelegen, zuletzt von einer Art Dorfnotar bewohnt, in dessen Bibliothek viele Bücher des adeligen Vorbesitzers auf mysteriöse Weise eingegangen sind: prächtige Vor-Weltkriegs-Bände der "Kunst", sämtliche Bände der Fuchs´schen Sittengeschichte, die im Augenblick in allen Abteilungen die Runde machen. Riesige Fliegenschwärme verleiden einem das Dasein bei Tag und Nacht, - es ist ein ewiges gewalttätiges Surren. Man spürt die Unheimlichkeit eines in Massen auftretenden Insekts.
Ich denke, dass ich mit meinem neuen Vorgesetzten gut auskommen werde; die Haupttugenden für den Posten: robuste Nerven, gutes Gedächtnis und ein wenig Organisationsgabe bringe ich ja mit. Der General stellte mir endlich die Beförderung zum Hauptmann in Aussicht, - na ja, wenn er wüsste, wie das meinen Ehrgeiz kitzelt. Derzeit ist das so belanglos; wer jetzt nicht unbeugsam, verbissen, tapfer und moralisch nicht totzukriegen ist, der hat verspielt. Wer es aber ist, der hat gegenüber dem Russen gewonnenes Spiel.
Was sich in der Mitte der Ostfront abgespielt hat, war eine grausame Katastrophe der Kraftlosigkeit, eine wahre Lähmung scheint Dutzende von Divisionen ergriffen zu haben. Auf bloße Gerüchte sind unzählige Ortsbesatzungen getürmt, - unter Zurücklassung von Lagern und Lebensmitteln, die an Menge das, was die Amerikaner den Sowjets liefern, um ein Mehrfaches übertrifft. Die neuen Maßnahmen, auch Goebbels Rede, zielen auf die Ursache des Zusammenbruchs, aber längst nicht auf alle und nicht auf die schwersten: nämlich auf die Unkontrollierbarkeit des Parteiapparates, der uns im Ostland seit 1941 alle Sympathien verscherzt hat. All das Tugendgerede war bis heute eitles Tönen. Niemand nahm es für sich selber ernst und wir baden, tragen und bluten es aus.


9. 8. 44

      Am Sonnabend den 5. fuhren wir von unserm Gütchen an der Düna über Jakobstadt, wo ich den Brief für Dich abgab, und Kreutzburg noch einige 10 km nach Norden.
Das trockene Wetter - zur selben Zeit 1941 hatten Regengüsse unsern Vormarsch stark behindert, gewährt dem Feind jede Erleichterung. Ein Angriff unserer Division kam an diesem Tag leider nicht ganz zur Entfaltung, da die zweite Division wegen einer Schweinerei an anderer Stelle nicht erschien*). Die nächsten Tage standen unter Munitions- u. Treibstoffmangel. Ich kann Dir versichern: wir haben, als am Montag ein heftiger russischer Gegenangriff erfolgte, Blut und Wasser geschwitzt, um das Wenige, was vorhanden war, zweckmäßig zu verteilen. Ein Ergebnis deutscher Besserwisserei war ein russischer Panzereinbruch tief in die linke Flanke. Unser I c hatte am Vortage Korps und Armee auf den bevorstehenden Angriff hingewiesen, ohne das geringste Verständnis zu finden. Im Ganzen konnte die kritische Situation gemeistert werden, - Näheres kann ich nicht schreiben, aber ich wollte meine eigene Meinung zu manchen Maßnahmen und Unterlassungen der hohen Führung in all den Jahren abgeben. Schwere Verluste hatte die Schwadron, die ich vor einer Woche noch geführt hatte. Sie kam in eine ähnliche Situation wie ich damals bei Arkajewa am Düna-Ufer, diesmal war es nur ein Panzer; aber jetzt machte der Führer, ein Rittmeister, einen unbegreiflichen Fehler - er sammelte seine Unterführer um sich, um erst mal Kriegsrat zu halten, - da fuhr auch schon die erste Granate unter sie und warf sie um - tot. Den Rest kannst Du Dir denken - Vernichtung der halben Schwadron.

*) v. Tettau / Versock "Gesch. d. 24. Inf.-Div." S.193 ff.


10. 8. 44

      … ich verlor gestern die Stimmung zum Weiterschreiben, als ich erfuhr, dass die Invasoren schon vor Le Mans stehen. Die ganze politische Entwicklung der letzten 15 Jahre ging mir wieder durch den Kopf. Die Nacht wurde schließlich geradezu dämonisch: Beklemmungen aller Art überwältigten mich. Erst, als das Frühlicht durch die Verdunkelung drang, wurde mir ruhiger zu Mute, - man ergibt sich leichter dem ungewissen Schicksal.
Im Übrigen ballert es schrecklich von einem gewissen Punkt unseres Abschnittes her. Es ist ein Elend!


11. 8. 44

      Gestern Abend wurde ich zum General befohlen. Ich setzte mich in meinen schönen Wanderer (PKW), der mir als 0 2 zusteht und fuhr die wenigen Kilometer durch die glänzende Landschaft, überlegend, was mir nun wieder bevorstünde: Versetzung, Rüge oder was sonst, aber nichts "dergl": er verlieh mir die Spange zum EK II für meinen kühnen Entschluss, seine unbeirrte Durchführung am 27. Juli, - ich habe Dir ja das Abenteuer geschildert. Ich freute mich über die Anerkennung und über die 6 Upmann - Havannas, die der General aus der heimlichsten Kiste langte. Für meine zweite Feldbluse brauche ich also ein Stückchen des schwarzweißen EK - Bandes mit der Spange, um deren Besorgung ich Dich bitte.


13. 8. 44

      Gestern waren zwei Wachtmeister meiner alten Schwadron da, um mich zu bitten, die Schwadron wieder zu übernehmen, da sie jetzt ein besonders scheußlicher Kerl führt, über den ich Dir neulich schon Andeutungen machte. So unmilitärisch das Verfahren war, so sehr freute es mich doch, - aber meine Versetzung zur Division ist endgültig; es heißt sogar, dass ich zwei Monate den Quartiermeister vertreten soll …


14. 8. 44

      Vielleicht spielt sich die Feldpost wieder besser ein, zu Schiff oder über die kürzlich wieder freigekämpfte Landverbindung nach Ostpreußen.*) Wir müssen erst all die Sünden und Unterlassungen, den Kräfteluxus der vergangenen Jahre abbüßen, ehe wir militärisch wieder auf einen grünen Zweig kommen. Ich hoffe, dass aus der größten Not endlich die rechte und unbestechliche Einsicht entspringt. Um mich brauchst Du nur geringe Sorge zu haben, - die Gefahr, in der ich lebe, ist geringer als die, die Euch umgibt. Auch innerlich bin ich ganz klar und kühl. Mein ausschließliches Getränk ist Milch, das Frühstück besteht aus Knäckebrot, Butter, Honig und oft einem gebackenen Ei, mittags ein Teller der sehr nahrhaften Feldküchenkost und meist eine Himbeerkaltschale, denn es gibt Waldhimbeeren in Massen.
Asime hat mir geschrieben, - es hat ihr übrigens niemand zur Reise nach Deutschland geraten. Die Übersiedlung für ihrer ganze Familie und die Mehrzahl ihrer Stammesgenossen war eine Frage von Sein oder Nichtsein. Eben höre ich, dass Päckchen von der Front in die Heimat wieder zugelassen sind. Vielleicht doch ein Zeichen der Stabilisierung?

*) die endgültige Einschließung der Heeresgruppe Nord in Kurland erfolgte am 5. 10. 44


16. 8. 44

      Kaum bin ich 14 Tage hier, da muss ich schon allein schwimmen, - der I b ist in gleicher Eigenschaft zum Korps versetzt worden. Ein Neuer ist zwar im Anfliegen, ein junger Generalstäbler, ein sogen. "Zauberlehrling" - Gott sei Dank habe ich für die Zwischenzeit einen Gehilfen, denn allein könnte ich die Arbeit nicht schaffen.


19. 8. 44

      Gestern hat sich mein alter Brötchengeber verabschiedet, - als Abschiedsgeschenk erhielt ich eine Kiste holländischer Zigarren.*)
Heute ist mein Nachfolger als NSFO, Oberleutnant Howorka gefallen. Es ist alles ein großer Jammer.

*) General Versock übernahm ein Armeekorps in Ungarn, Nachfolger war General Schultz


21. 8. 44

      Die neue Arbeit hat mich darin unterbrochen, Dir eine fortlaufende Schilderung meines Daseins zu geben. Das Telefon ist ein Marterinstrument. Die letzte Nacht schlief ich das erste Mal seit drei Tagen wieder 7 Stunden hintereinander, war zuvor ebenso lange nicht aus den Kleidern gekommen. Mir brannten, die Augen, ich nickte am helllichten Tage ein, - fühlte mich wie vergiftet. Schlafentzug muss eine schreckliche Folter sein. Im Wehrmacht-Bericht wirst Du von den schweren Kämpfen im Raume Modohn gelesen haben - das sind wir und drei, vier andere Divisionen. Unsere Division schlägt sich heldenhaft. Wenn wir seit Polozk immer zurückmussten, lag es an den Nachbarn oder auch nicht so sehr an den Nachbarn, als an der grundfalschen Auffassung, dass Moral allein das Material besiege.*) Jetzt scheint sich langsam eine Konsolidierung anzubahnen.
In der Nacht zum 18., als ich noch einige Schritte durch die Nacht tat, kam ich auf einen alten deutschen Gutshof. In dem ganz verödeten Hauptgebäude stand in einem großen Raum ein Flügel, unbeschädigt, sogar etwas gepflegt; Noten, darunter Bearbeitungen von Bach´schen Orgelchorälen. Ich zog aus meiner Meldetasche einen Lichtstumpf, entzündete ihn und spielte. Nach einer Weile ging die Tür auf, ich sah etwas Weißes, drehte mich um und das Weiße entpuppte sich als ein riesiger Angorakater von solcher Schönheit, wie ich noch nie gesehen hatte. Er wurde von einer jungen, aber sehr verhärmten Frau getragen, die ich schon vor Tagen an einem ganz anderen Ort gesehen hatte, als sie uns fragte, wann sie fliehen müssten. Das Tier war von einer unendlichen Sanftmut und hatte Augen, oh, Augen hatte es, die waren fast menschlich. Flüchtlinge lagen in einem Seitenflügel des Gebäudes, die hatten mein Spiel gehört. Ich streichelte das Tier, dann aber stieg ein so heftiges, aus Bitterkeit und Mitleid gepaartes Gefühl in mir auf, dass ich, ich weiß nicht warum, den Deckel des Klaviers zuwarf, meine Maschinenpistole aufhuckte und ohne Gruß wegging. Hinter mir hörte ich die Frau tief aufschluchzen.
Um sechs Uhr morgens wurden wir durch eine gewaltige Detonation und herabklirrende Fensterscheiben geweckt. In ca. 50 m Entfernung war eine Granate eingeschlagen, hatte einen vollbehangenen Apfelbaum völlig zerfetzt und Splitter in unsere Behausung gesandt. Einer davon lag vor meinem Lager Ich hob ihn auf, erstaunt über die Ähnlichkeit der Situation 1942 vor Sewastopol**), - bloß dass dieser Splitter hier zehnmal größer war. Dann kamen unerfreuliche Nachrichten: der Russe war nördlich von uns mit starken Panzerkräften durchgebrochen, das hieß neue Absetzbewegung im Laufe des 19., nach einem Gute namens Filipstal, dann mitten in der Nacht neuer Stellungswechsel, - jedesmal mit Bergen von Arbeit verbunden …
Mit dem neuen I b komme ich gut aus, - er respektiert bei mir das höhere Alter und ich bei ihm den höheren Dienstgrad. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in dem neuen Wirkungskreis.

*) s. dagegen Erichs Brief v. 4. 8. 44
**) gemeint ist seine Verwundung 1942



23. 8. 44

      Was Du von Herrn W.*) schreibst, gefällt mir gar nicht. Soviel ich weiß, war er mit G. bekannt und hielt auf diesen als Menschen wie als Verwaltungsbeamter große Stücke. Mir ist es nur schwer begreiflich, dass G. mit in das Attentat auf den Führer verwickelt sein soll. Ich kann mir das nur mit persönlicher Verstimmung erklären, die auf Vorgänge beim Leipziger Oberbürgermeisterwechsel zurückzuführen sind, - Vorgänge, die freilich eine starke Persönlichkeit bis zur Weißglut erhitzen konnten. Ich hoffe von ganzem Herzen und glaube auch zuversichtlich - ja, es kann nicht anders sein - dass Herr W. bis auf diese persönliche Bekanntschaft mit all den dunklen Dingen nichts zu tun hat. Er ist nicht nur zu klug dazu, sondern auch loyal genug. Aber man wollte ihm ja schon immer was am Zeuge flicken. Er hatte sehr mächtige Feinde**), die nur auf Gelegenheit warten, sich seiner Güter zu bemächtigen. Und was gelten heute Güte, Hilfsbereitschaft und die in den Herzen der Gewaltlosen brennende Sorge um die Zukunft unseres Volkes …

*) Carl Wentzel-Teutschenthal *1976. E. N.s Freund und Verschwörer vom 20. Juli, hingerichtet am 21.12. 44
**) z.B. Ludolf "Bubi" v. Alvensleben * 1901, + 1970 in Argentinien, mitteldeutscher Großgrundbesitzer, Generalleutnant der SS



24. 8. 44

      In mein trotz der hinter uns liegenden schweren Kampftage einigermaßen ausgeglichenes Gemüt ist die böse Nachricht aus Rumänien*) wie ein Donnerschlag gefahren, und wenn ich jetzt noch NSFO wäre, bereitete mir die Frage "Wie sag Ichs meinem Kinde?" einiges Kopfzerbrechen. Ich wüsste nämlich nichts Tröstliches zu sagen, und kann auch bei schärfster Überlegung keinen Wendepunkt zum Besseren erkennen. So bleiben nur Pflicht und Liebe als die einzigen Leitseile, an die man sich halten muss, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Ich wollte, wir wären näher beisammen, um einander beizustehen …
Gestern war der Höhepunkt der Kämpfe, - Gott sei Dank ist die Munitionsnot beseitigt. Wenn nur unsere Infanteristen wüssten, wie sehr ihnen der Gegner moralisch unterlegen ist, - aber leider ist es bei uns auch nicht mehr die alte Truppe, die Mann für Mann in ihren Gräbern ruht.
Wir beide, mein Major (Cramer) und ich hatten, vor allem gestern, alle Hände voll zu tun, jeder den Telefonhörer in der Hand, Karte und Befehlsblock vor sich, ohne aufblicken zu können ging es den ganzen Tag. Das Essen musste uns von den Burschen in den Mund geschoben werden. Dazu bekamen wir für einige Stunden die taktische Führung der Eingreifreserven übertragen, - aber sie machte Spaß, diese Arbeit. Heute ein kleiner Stellungswechsel aus taktischen Gründen nach Viganti, - "Wiegandt", wie ich auf Postsachen aus der Vorkriegszeit las. Aus dem nahen Städtchen Hirschenhof haben die Letten ‚Irschi' gemacht.

*) Rumänien schloss mit Russland Waffenstillstand und trat den Alliierten bei


29. 8. 44

      Ich unternahm gestern eine weite Fahrt ins Hinterland. Auf dem Feldpostamt nahm ich Post für den Stab mit und die Hoffnung, dass auch für mich etwas dabei sei, trog mich nicht.
Es scheint, dass der Brief, in dem ich Dir meine neue Dienststellung schilderte, nicht angekommen ist, da Du schon das zweite Mal danach fragst. Meine Stelle ist die zweitmächtigste in der Quartierabteilung der Division, - ich muss in alle Dinge eingeweiht sein, höre alle Gespräche mit und habe die Befugnis, in Abwesenheit des I b selbständig zu entscheiden.


1. 9. 44

      Du wirst jetzt mehrere Wäschepäckchen erhalten, da wir unser Gepäck auf ein Mindestmaß, - nicht mehr als was in einen großen Rucksack geht - zurückschrauben müssen. Auch eine sehr späte Maßnahme, wenn ich an die Fuhren denke, die manche Offiziere mit sich herum schleppen. Leider kann ich manche Feststellungen, manche Fragen, die mich bewegen, in einem Briefe nicht schreiben. Man kann wahrlich nichts anderes mehr, als redlich seine Pflicht tun.


2. 9. 44

      Zwei Briefe kamen gestern Abend, mit heißem Dank empfangen. Ich habe mich wahrhaftig erst hingesetzt, als ich die Nachricht vernahm und halte es für Unfug, dass diese beiden*) - wenn ich etwas von Menschen verstehe - wahrhaft edlen Menschen etwas mit der Sache zu tun haben sollen.
Ich analysiere die Lage folgendermaßen: Es gibt Kreise in der Machtträgerschaft, die sich schon jetzt für den Fall, dass die Sache schief geht, ein Alibi zu verschaffen suchen, so dass sie nur die Farbe zu wechseln brauchen, aber an der Macht bleiben. Offenbar versucht man, einen Verantwortlichen zu finden - die wahren Übeltäter des 20. 7. genügten noch nicht - um ihm (die eigenen) Fehler und Versager zuzuschieben. Es gibt keine Revolution, die dieses Verfahren nicht angewendet hätte …
Schleierhaft bleibt mir darüber hinaus, dass unser Kriminalapparat, der "beste der Welt" nun schon zum zweiten Mal ein Attentat auf den Führer erst nach dessen Verübung entdeckt …
Mir geht es augenblicklich so, dass ich nur noch mit kaltem Humor auf dies Theater schaue, auf die Ereignisse in Frankreich, den Zusammenbruch Rumäniens, - fehlt nur noch, dass das Petroleumgebiet unzerstört in die Hände des Gegners fällt. Was hier oben mit uns wird, wissen die Götter, ich bin wirklich gespannt, wie das weitergeht. Der größte Witz bleibt doch, dass im Falle Frankreichs das Proletariat und der kommunistische Sozialismus mit den hochkapitalistischen Invasoren marschieren. Ein Beweis, wie unklar alle Köpfe und wie sie nur die Marionetten der Weltjudenschaft sind - das ist mir ganz klar! Selbst wenn der Krieg militärisch verloren würde, könnten wir ihn doch noch gewinnen, wenn die Nation so tief vom nationalen Sozialismus durchdrungen wäre, dass sie nicht willenlos in den bolschewistischen Strudel absänke.
Gott sei Dank enthielt Dein Brief auch freundliche Dinge wie die "Iphigenie" auf dem Burghof Giebichenstein.**) Kaum glaublich, dass dies an der Schwelle zum 6. Kriegsjahr noch möglich war. Leider kann ich Dir keine Fahrradschläuche schicken. Gestern habe ich meine gute Hose abgesandt.

*) Thilo v. Wilmowsky, Freund und Gönner E.N.s und dessen Ehefrau Barbara geb. Krupp
**) Ella berichtete von einer abendlichen Freilichtaufführung



4. 9. 44

      Ich habe keine Lust, einen sehr deprimierten Brief zu schreiben, obwohl unsere Verbündeten von uns abfallen wie reife Pflaumen vom Baum. Man begreift die Menschen nicht mehr und noch weniger die Völker, die nicht "ihr Alles setzen an ihre Ehre" und ihre Freiheit. Die einzige Luft, in der man noch leidlich atmen kann, weht um den deutschen Soldaten, der sich - jeder deutschen Division liegen 2 - 4 russische gegenüber - durch nichts erschüttern lässt. Manche Lockerungen der Manneszucht, die eingetreten waren, sind mit scharfen und schärfsten Mitteln unterdrückt worden.
Die letzten Tage verliefen gleichmäßig, bis auf den gestrigen, der uns die Trennung von unserem unersetzlichen General Versock brachte, der ganz plötzlich mit der Führung eines Korps beauftragt wurde. Das ist ein Schlag für uns. Im Felde ist, im Kleinen wie im Großen, der Führer alles!
Ich konnte heute, nach einer Unterbrechung von einem Monat, zum ersten Male wieder aufs Pferd steigen. Es heißt 'Lore' und ist ein unglaublicher Kasper, äugt wie ein Stieglitz auf jeden Stein, der auf der Straße liegt, scheut vor jedem Stückchen Papier und wirft den schönen Kopf wie eine irre Maid, die den Veitstanz hat. Aber in drei Tagen werde ich ihr die an sich harmlosen Tücken abgewöhnt haben. Von Asime bekam ich einen Brief, dass sie sich eine Fahrkarte nach Halle gekauft habe.*)

*) Asime an Ella am 20.8.44 :"Ich gehe zur Bahn und werde dort fragen eine fahrkarte nach Halle, wenn daß geht dann komme ich Euch besuchen. Wie gerne will ich euch alle sehen und selbs sprechen. Deine keks Kuchen haben mir sehr geschmeckt und ich glaube du hast die selbs gekucht. Hier habe ich solche noch nicht gegessen."


8. 9. 44

      Ein "Hochzeitsurlauber" - so was gibt es tatsächlich noch! - nimmt diesen Brief mit. Ich wollte, ich wäre auch einer, - ich würde Dich auf der Stelle noch mal heiraten! Hier ist noch alles ruhig und wir benutzen die Zeit zu Stellungsbau und Munitionierung. Einstweilen prasseln die Nackenschläge nur so auf uns herunter, - aber ich halte es wie Du: lieber deutsch sterben als bolschewistisch verderben und es besteht durchaus noch die Möglichkeit, dass der Krieg sich selbst totläuft. Wir wissen, dass jeden Tag ein Angriff der Russen kommen kann und dass er kommen wird. Die Nachrichten, die man sonst vernimmt, sind - vom schlichten Menschenverstand aus - ebenso übel wie unbegreiflich. Ich fand einen Spruch von Binding, den man sich ganz zu Eigen machen muss: Jeder erhebe sein Schicksal selber mutig vom Wege auf und leicht schreitend trag er's dahin wie eine Feder am Hut


8. 9. 44

      Als ich vom Morgenritt zurückkehrte, wurde grade der Postsack geöffnet: Briefe von Dir, von Mutter, vom Erdmännle, von Mühlner. Erdmanns Brief wurde zuerst geöffnet. Der liebe Wicht! Ich lege gleich einige Zeilen für ihn bei …
Nun ist Asime da gewesen, - ich glaube, es war für alle angenehm und für Asime waren es sicher unvergessliche Tage. Du musst mir noch mehr davon schreiben. Bei uns fühlt sich eben jeder wohl! Gerade, weil ich so tief in meinem Volkstum wurzele, habe ich mir immer zugetraut, mich Angehörigen anderer Volkstümer zu nähern. Aber weil die Menge der Führenden ihr Deutschtum nur als ein Äußeres an sich tragen, ergaben sich die Misserfolge unserer Fremdvölkerpolitik. So trank der alte Kilian*) dankbar das Glas Apfelsaft bei uns und nicht minder wohl mag sich Herr Gr.**) gefühlt haben.

*) Otto Kilian, hallischer Drucker und Altkommunist, 1919 Vorsitzender d. Arbeiterrates in Halle, vor 1933 Zusammenarbeit mit Erich am Jahrbuch "Kreis von Halle", wird noch 1944 von den Nazis im KZ umgebracht.
**) hier denkt Erich wahrscheinlich, um das breite politische Spektrum seiner Bekanntschaften deutlich zu machen, an den NSDAP Mann Walter Granzow, E. Ns. Fürsprecher 1933 in Berlin



10. 9. 44

      Noch immer ist es bei uns ruhig. Der Feind fühlt sich so sicher, dass die gegnerischen Stellungen nicht einmal besetzt sind. Wir wissen aber, dass der Russe methodisch und sorgfältig einen Angriff von größter Wucht vorbereitet.
Gestern erschöpfte mich eine Kriegsgerichtsverhandlung gegen einen Offizier sehr, weil sie den ganzen Tag dauerte, allein mein Plädoyer als Anklagevertreter 1 1/2 Stunden …
Ich geriet heute über einen Band der "Deutschen Rundschau" von 1926 und war nicht sehr überrascht, aus der Feder kluger Menschen (die wahrscheinlich ab 1933 nicht mehr als solche galten) verblüffende Voraussichten und Deutungen in die Zukunft zu lesen.


12. 9. 44

      Deine Briefe sind für mein Herz eine unentbehrliche Nahrung und ein qualvolles Gefühl befällt mich bei dem Gedanken, ich müsste ohne dieses Band weit von Dir entfernt leben. Jemand könnte denken, solche Empfindung sei Egoismus, aber solche Unterstellung würde ich weit von mir weisen. Liebe ist doch ganz etwas anderes. Sie durchflammt mich so, dass ich jeden Augenblick mein Leben für Dich hingeben kann …
Ich habe eine Reihe Aufsätze gelesen, die mit dem Versprechen besonderer Wandlungen auf technischem Felde*) auch in scheinbar düsterer Lage den sicheren Sieg verkünden. Entbehren sie einer realen Grundlage, so strafen sie in Zukunft ihre Urheber selbst. Verlieren wir den Krieg, dann sind wir selber schuld, weil entweder die Voraussetzungen für einen Sieg nicht richtig erkannt oder die zur Verfügung stehenden Kräfte nicht rechtzeitig und nicht rücksichtslos genug eingesetzt wurden …
Oblt. Howorka (mein NSFO-Nachfolger) ist ahnungslos mit dem Krad in den Feind hinein gefahren. Er sollte eine Kompanie auslösen, die das aber schon erfahren hatte und auf einem anderen Weg zurück marschierte. So schossen sie ihn und den Fahrer vom Krad, letzterer konnte sich verwundet zurückschleppen, während Howorka mit den Worten: "Ich muss sterben" herabsank, - er wird als vermisst geführt, wird aber wohl tot sein.

*) die "Wunderwaffe" , - ob man wohl schon an eine Atombombe dachte? s. a. Brief vom 22.9.44


13. 9. 44

      Man muss nur zu allem untüchtig sein, dann hat man die besten Chancen! - Denke Dir, Oblt. v. Jordan reicher schlesischer Großgrundbesitzer, nicht ohne Köpfchen, aber faul und gleichgültig und zu nichts zu gebrauchen*), wird nach Leipzig versetzt! Gott, ich wäre auch gerne einmal nur noch 37 km von Dir entfernt, ich würde den siebenstündigen Marsch nicht scheuen, um eine Stunde bei Dir zu sein.

*) der Brief wurde nichtsdestoweniger dem Kameraden Jordan in die Heimat mitgegeben und auch treu befördert - W.N.)


15. 9. 44

      Gestern früh 8 Uhr setzte der russische Großangriff mit einem ungeheuerlichen zweistündigen Trommelfeuer ein. Wir mussten nachts unsern Gefechtsstand ein wenig seitwärts verlegen, da wir Panzerbeschuss bekamen. Dem Gegner ist bisher nur die Vertiefung einer älteren Eindellung gelungen.
Die behütende Kraft, die Du mit jedem Wort, mit jeder Zeile um mich erbittest, - ich kann nicht mehr so gottlos werden, um an diese Kraft nicht zu glauben. Natürlich gibt es auch Augenblicke, da bange Furcht das Herz zu beschleichen droht (wer das leugnet, lügt!). Dann ist mir wohl, wenn ich vor den Männern Verantwortung zeigen kann - die Tat ist das beste Mittel*) gegen solche Anwandlungen. Gestern und heute lagen wir unter pausenlosen Fliegerangriffen. Aber selbst die Übermacht macht die russischen Flieger weder kühn noch geschickt, der große Aufwand ist meist nutzlos.
Ich mache manche Beobachtung von psychologischem Interesse über unsere Führung, das ist jedoch nichts für einen Brief, obwohl ich es mir gern von der Seele redete.
Unverständlich, dass die Stadt Halle jetzt noch eine Kraft für so nebensächliche Dinge wie die Ratsbücherei sucht. Allerdings könnte da auch der Wunsch eine Rolle spielen, dass nicht etwa ich - nach x - jährigem Kriegseinsatz - und sei es nur aus Anstandsgründen - wieder in diesen Arbeitsbereich eingesetzt würde.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass sich Herrn Wentzels Schicksal zum Bösen wendet. Es bleibt überhaupt an den Vorgängen viel Unverständliches: Herr v. Wilmowsky ein Landesverräter? Da fress ich eher Spinnen, als dass ich das glaube. Es gibt in der Welt keine dynastischen Querverbindungen mehr, sondern nur noch die des internationalen Judentums und das nimmt keine Rücksicht auf andere Strömungen.

*) " . . ist der ärgste Feind gegen . . - schreibt Erich, was mir stilistisch unpassend schien - W.N.)


19. 9. 44

      Mein Gott, das waren aber auch Tage. Unsere Truppe ist zwar längst nicht mehr das, was sie einmal war, - aber wenn man erlebt, was sie gegen eine Materialübermacht sondergleichen ausrichtet, dann gibt es nur ein Urteil: Wir Deutschen sind in diesem Zeitalter, was die Griechen für die alte Welt waren. Es ist das Ethos des Kampfes, das sich immer leuchtender abzeichnet …
Glänzend hat uns unsere Artillerie geholfen. Hätten wir nur mehr Munition, - jedes stillgelegte Salzbergwerk in Deutschland müsste doch eigentlich seit Jahren mit Munition bis unter den First voll gestopft sein, - denn wer konnte sich in dem Glauben wiegen, der Krieg würde sozusagen verklingen.*) Imponierend in seiner Menge, weniger in seiner Wirkung, ist der Luftwaffeneinsatz des Gegners, - die schweren Kaliber, die Bombenteppiche, der Bordwaffenbeschuss, die oft 500 m langen Fahnen des Phosphorfeuerregens erschüttern uns bisher wenig. Letzterer war die Überraschung des Sonnabends.
Sonnabend Nachmittag verlegten wir den Gefechtsstand etwas zurück in eine Försterei am Waldrand. Beim Reiten dachte ich: ein richtiger Partisanenwald und am nächsten Tage wurde meine Vermutung bestätigt: wir fingen nämlich einen deutschen Soldaten, der angeblich seit drei Wochen von Partisanen (100 Mann stark) gefangen und durch unseren eigenen Abschnitt geschleppt worden war und nun für Kundschafterdienste eingesetzt war. Die Partisanen hätten sämtlich deutsche Uniformen, die sie sogar mit den Auszeichnungen trügen. Am Montagabend Stellungswechsel hinter einer wichtigen, von den Russen dauernd mit Bomben beharkten Brücke - außerdem waren nördlich von uns Panzer durchgebrochen. Ich maßte mir gleich das Kommando über die ziemlich verstörten Oberstabsintendanten, Zahlmeister, Stabsärzte und Veterinäre und was sonst noch im Stabe herumschwirrte, an und bezog, da keine besondere Weisung vorlag, in einem alten Landstraßenkruge in branddurchleuchteter und bombenrauschender Nacht einen Not-Gefechtsstand. Dann in der Frühe Stellungswechsel in ein Dorf Aderkasi. Hier spielt sich eine entsetzliche Tragödie ab. Die Flüchtlinge, die Haus und Hof aufgeben. Wo sie hausen wollen, wenn der Winter kommt, ist mir schleierhaft. Im Übrigen erfährt das lettische Volk eine furchtbare Strafe und eine späte Rache der Geschichte. Die Deutschen allein haben das Land schön und fruchtbar gemacht, dann stieß die feige Demokratie zu und enteignete, vertrieb, drangsalierte. Nun kommt der geschichtliche Lohn des feigen Raubes**).
Die letzte Nacht wurde schlimm: 7 Splitterbomben fielen unmittelbar neben unser Haus, ein schweres Kaliber neben ein 200 m entfernte Scheune, in der meine "Lore" stand. Da arme Tier wurde fast zersiebt, mindestens 3o Wunden bedeckten das schöne schokoladenbraune Fell, - aus dem rechten Oberschenkel spritzte es im Strahl mit jedem Herzschlag. Sie wurde sofort auf einen Lkw verladen und zum Pferdeverbandsplatz gebracht.

*) oder (Erichs Brief v. 8. 9. 44) ‚sich vielleicht "totlaufen"? - W.N.
     **) G.F. Kennan, 1904 - 2005, ein unverdächtiger Gewährsmann in "Memoiren eines Diplomaten: "Die politisch dominierenden Letten, die mit den Jahren der Unabhängigkeit immer chauvinistischer wurden … fühlten sich gedrängt … das kosmopolitisch - bunte kulturelle Leben Rigas ... so schnell wie möglich zu beseitigen



21. 9. 44

      Wir haben gestern Abend noch mal Stellungswechsel gemacht, diesmal nach der Front zu, beinah in den Feuerstellungen der schweren Artillerie, deren Geknalle man doch lieber hört, als andere Geräusche. Gestern ist unsere Division wieder - verdientermaßen - im Wehrmachtsbericht genannt worden, - aber wenn man ihn darüber hinaus liest!


22. 9. 44

      Durch einen Heimfahrer kann ich Dir dieses Lebenszeichen geben …
Um uns sind seit Tagen schwerste Kämpfe. Heute hieß es plötzlich, es gäbe keine Munition mehr - es ist ein Jammer. Ich befinde mich wohl, wenn auch tief betrübt über das Schicksal dieses Landes. Einzelnes kann ich darüber nicht schreiben. Mögen alle Entschlüsse im Letzten kein Irrtum gewesen sein! Liest man die Äußerungen der Gewaltigen, dann möchte man ja meinen, dass bald ein phänomenaler Wandel eintritt, - verdient hätte ihn der schwer kämpfende deutsche Soldat.


25. 9. 44

      Es schält sich immer deutlicher heraus, dass wir das Ostland aufgeben. Es war mir noch vor kurzem unvorstellbar -, dass wir, aus welchen Gründen auch immer, an den baltischen Völkern Verrat üben. Tränen und Flüche werden unsern Abzug begleiten und wenn diese Völker die nun hereinbrechende Katastrophe überleben, werden sie nie wieder auf ein Wort Deutschlands vertrauen. Sicher zwingen uns militärische Umstände, aber wir ernten auch die Früchte einer unfähigen Zivilverwaltung, die bis zuletzt, sei es aus Hochmut oder Dummheit, nicht genügend Fühlung mit den militärischen Dienststellen nahm, so dass dem Feind jetzt gewaltige Reichtümer ungestört überlassen werden müssen.
Da kommt man auf einen verlassenen Hof, der alle Spuren eines überstürzten Aufbruchs zeigt, noch brennt das Feuer im Herde, das Vieh ist fort, aber die Hühner picken noch gleichmütig, um sehr bald dezimiert zu werden und abends verängstigt in irgend einer Ecke zu hocken. Auf der besonnten Scheunentenne sitzt die Hauskatze mit ihren Jungen, bald wird das Elend mit Hunger und Kälte über die Geschöpfe kommen, der Hofhund erscheint schweifwedelnd, meist schöne langhaarige Tiere, und begehrt seine abendliche Schlafecke in der Stube. Weil ringsum schon feindliche Granate den Grund aufwühlen, stellt man dem Hund noch ein Schaff Essen und den Katzen eine Schale Milch hin und zieht dann weiter, in dem Bewusstsein, dass in ein paar Stunden hier alles in Flammen steht …
Beinahe über Nacht ist der Herbst gekommen. Die Truppe hat jetzt eine feste ausgebaute Stellung besetzt und wir hoffen auf ein längeres Verweilen. Diesen Brief nimmt mein Oberwachtmeister Zippel von der alten Schwadron mit in die Heimat.


30. 9. 44

      Ich erschrak, als ich mich heute früh im Spiegel sah. Die Erkältung ist zwar so gut wie vorüber, doch fühle ich mich immer noch nicht wohl, weniger körperlich als seelisch. Ich möchte die Dinge einmal von einem anderen Standpunkt sehen - Ich weiß, ich werde über den Tiefpunkt wieder hinwegkommen. Ich soll bald wieder ein Pferd bekommen.
Der Herbst ist hier herzergreifend schön. Was uns in geradezu erbärmlicher Weise fehlt, sind Zeitungen, - wir stürzen uns auf alte Zeitschriften aus den Zwanzigerjahren. Schade, dass nun schon wieder der Päckchenverkehr gesperrt ist, einen Tag zuvor bekam ich einen Butterklumpen von 2 kg geschenkt, - nun vertilgen ihn der I b und ich mühsam, - aber Kartoffelpuffer in Butter gebraten sind schon eine köstliche Sache …
Ich traf den Kommandeur des aufgelösten Gren.-Reg. 31 Oberst Ettner, der bei uns in Halle in den Heidehäusern, Oberst-Erdmann-Straße, wohnt, - wir unterhielten uns wohl eine Stunde.
Vorgestern haben wir den Russen die ganzen Bereitstellungen mit unseren schweren Raketenwerfern zerschlagen, gestern 12, heute 11 Panzer abgeschossen und ihn aus einem Einbruch herausgedrängt. ein paar Jäger fegten den Himmel von den Dutzenden feindlicher Schlachtflieger rein. Das "haute hin" wie der Soldat sagt, seitdem ist es ruhiger bei uns.


4. 10. 44

      Deine Nachrichten im Brief vom 19. 9. haben mich alle sehr interessiert. Bloß, wie man in unserm hygienischen Vaterlande an Ruhr sterben kann, das ist mir schleierhaft …
Sehr erleichtert hat mich die Nachricht, dass Herr Wentzel wieder frei kommen soll, denn weder von dem einen, wie von dem andern kann ich mir eine intellektuelle Mittäterschaft vorstellen. So sind vielleicht die ganzen Verhaftungen nur eine Maßnahme gewesen, jeder Verschleierung vorzubeugen.
Das Wetter ist noch gleichmäßig mild, so eines hätten wir im Sommer und Herbst 1941 haben müssen.


6. 10. 44

      Ich weiß nicht, wie die Leute es anstellen: wieder geht ein Rittmeister und größter sächsischer Spediteur in die Heimat. Er ist mir aber gut genug, ihm diese Zeilen mitzugeben. Ich habe Deinen Brief vom 24. 9. bekommen, ich bin wohlauf, sonst gibt es nicht viel Neues.


Riga, 12. 10. 44

      Eine Woche konnte ich nicht schreiben, vermochte es auch nicht, weil mich das Mitleid würgt mit dem Sterben eines schönen Landes und seiner Auslieferung an seinen und unseren Todfeind. Als wir von dem Hotel Excelsior, wo unser Stab eine Nacht verbracht hatte, aufbrachen, hatte ich ein eigenartiges Erlebnis: ich wollte grade den Wagen besteigen, als eine noch junge, schwarz gekleidete Frau, auf mich zutrat, mich umarmte, küsste und sagte: "Adieu, lieber Kamerad." Ich dachte zuerst, sie sei betrunken, wie so viele in diesen Tagen, aber sie hatte keinen Alkoholgeruch an sich, Aber das nur nebenbei.
Der Reihe nach: Am 8. früh wurde der I b zur Führungsabteilung gerufen und brachte einen überraschenden Befehl mit - ich musste mich sofort mit kleinstem Gepäck fertig machen, um als I b in den behelfsmäßigen Stab eines eilig aufgestellten Sperrverbandes zu treten, der helfen sollte, die Lage östlich Liebau zu bereinigen. Wir fuhren mit einer Kolonne von 8 Fahrzeugen nach Riga-Strand, das sich auf einer schmalen Nehrung über 15 km hinzieht. Gegen Abend waren wir in Tukums und nachts schließlich in Kandau, wo einige Stunden gerastet wurde. Dann ging es über Goldingen an der Windau weiter nach Schloss Kroten zwischen Preekuln und Liebau. Noch in der Nacht wurde uns bedeutet, dass wir weder erwartet noch gebraucht wurden, somit rund 1600 Liter von dem knappen Benzin umsonst verfahren hatten. Also zurück nach Riga, wo inzwischen der Divisionsstab stand.
Nun sehe ich von meinem Häuschen in Riga -West die undurchdringlichen Qualmwände über der Stadt stehen, erlebe den Abschuss eines russischen Bombers, - der Pilot springt ab, der Fallschirm öffnet sich nicht, bildet nur eine weiße Röhre - wie langsam der Fall sich aus der Ferne ausnimmt. In Riga scheint, wie man sagen hört, der Pöbel schon erheblich zu toben. Fast kann ich Deinen Ausspruch "nach diesem Kriege werde ich Pazifistin sein" verstehen, - welche Werte werden allein hier vernichtet.


13.10. 1944

      Gestern am Spätnachmittag haben wir Riga -W. verlassen und sind jetzt 30 km südlich Tukums. Über unser weiteres Schicksal kann ich nichts sagen. Vielleicht werden wir an der Kurlandfront eingesetzt oder gehören zu denen, die den Weg aus dem Sack nach Ostpreußen frei boxen müssen. Die bisherigen Leistungen unserer Division berechtigen zu der Erwartung, dass das gelingt - denn eine ganze Heeresgruppe wie damals eine Armee in Stalingrad zu opfern, wird man sich wohl nicht mehr leisten können.
Ja, Liebchen, so sehen die Dinge bei uns aus. Dass die gesittete Menschheit, die angeblich fast alle Kräfte der Natur meistert, Selbstzerfleischung als Weg zur Lösung ihrer Probleme sieht, will mir je länger, je weniger in den Kopf, - allein, die Geschichte hat bisher bewiesen, dass es anders nicht ging.
Gott schenke uns ein Wiedersehen und ein, wenn auch noch so bescheidenes Glück.
Gott schenke uns auch, wenn und wann es sein sollte, ein tapferes Sterben …


16. 10. 44

      … am 21.9. lagen wir noch 100 km östlich Riga, - jetzt 20 km südlich Tukums, bei Jürgensburg, das die Letten Jaunpils nennen. Alles wirkt deutsch hier, viel deutscher, als ich das jemals gedacht. Wie sinnlos war es, Kreta und Griechenland monatelang über die Notwendigkeit hinaus zu halten, aber Reval und Riga und die großartig beherrschende Ostseestellung aufzugeben. Freilich, kämpferisch ist unsere Division immer noch großartig. Nur ein Beispiel der letzten Tage: bei Rumpenhof überrannte der Russe ein Regiment einer anderen Division, - eines unserer Regimenter warf ihn binnen 1 1/2 Stunden im Gegenstoß zurück und gewann die alte HKL (Hauptkampflinie) wieder.
Heute habe ich nach langer Pause wieder politisch gesprochen und die Vorträge sollen fortgesetzt werden. Keine dankbare Aufgabe, wenn man keinerlei Orientierung erhält. Aber ich sprach, wie mein Herz und mein - hoffentlich - gesunder Verstand es mir eingaben und hatte die Hörer auf meiner Seite.


17. 10. 44

      Die Ruhe hat nicht lange angedauert. In unserem Abschnitt sind schwere Kämpfe im Gange, gekennzeichnet durch bedeutenden Munitionseinsatz des Feindes - was einem immer ein Lächeln entlockt, erinnert man sich der komischen Verkündigung auf unserer Seite: "Ich konnte die Munitionsherstellung drosseln lassen" *) …

*) Hitler 8.11. 1940: " Die bisherigen Verluste sind so gering, dass man ältere Jahrgänge entlassen konnte. Die Reserven an Munition sind so ungeheuer, dass ich auf manchem Gebiete die Produktion jetzt einstellen muss, weil es keine Möglichkeit gibt, diese (Munitions) - Massen unterzubringen!"- daraufhin erneut minutenlanger brausender Beifall' heißt es an dieser Stelle in der Mitteldeutschen National+zeitung Halle v. 9.11.40


20. 10. 44

      Vor 14 Tagen bekam ich den letzten Brief von Dir …
Aus der Jürgensburger Gegend haben wir als Elite-Division wieder einen Sprung von 20 km gemacht, um die Lage zu meistern, doch bedrückt uns manche Sorge. Ein ewiger Kampf um jeden Liter Sprit, jede Granate. Freilich knobeln wir auch verblüffende Auswege aus, - doch das muss auf einem anderen Blatt stehen.
Würdest Du mir im nächsten Brief mitteilen, wie sich die Affären W.(entzel) und v. W. (v. Wilmowsky) entwickelt haben, - auch ob Asime sich gemeldet hat? Ich fürchte fast, dass ihr etwas zugestoßen ist, sie hätte doch sonst geschrieben …


28. 10. 44

      Wo die Tage bleiben, weiß ich nicht, - sie sind im Nu vorbei, wahrscheinlich weil der Geist sich unablässig mit dem Gemütsdruck beschäftigt, der auf jedem von uns lastet …
Abends schlüpft man gern beizeiten ins Gehäuse, wo Wärme, Licht und eine Tasse Tee eine gewisse, wenn auch brüchige Geborgenheit vermitteln, und wenn man dann noch über einen fesselnden Schmöker gerät, wie die 700 Seiten von Hermann Sudermann "Die Frau des Steffen Tromholt," einen seiner letzten Romane - ich muss sagen, ich war ehrlich erstaunt über soviel kraftvolle Fabulierkunst und Seelenkenntnis …
Ein Päckchen - sie dürfen wieder geschickt werden - mit 240 Zigaretten (für die Anknüpfung wirtschaftlicher Beziehungen) und Seife ist an Dich unterwegs. Ich erhielt Deinen Brief vom 15. 10. wo Du den Besuch von Oberst Ettner meldest. Also, so schlimm ist's mit dem Abgeschnittensein nicht, - wenn die Landbrücke nach Ostpreußen auch vorerst nicht geöffnet wird, so bleiben doch Libau und Windau, letzterer ein großer Kriegshafen. Es gibt hier keinen, der deswegen von Panikstimmung ergriffen wird. Unsere Aufgabe und unser Schicksal sind, Euch zu retten.


30. 10. 44

      Seit vier Tagen ist hier ein ziemlicher Spektakel und ich muss gestehen, dass ich einen solchen Aufwand an feindlicher Artillerie selbst im Weltkrieg nicht erlebt habe. Auf 50 Schuss des Gegners kommt allenfalls einer von uns, weil man uns sonderbarerweise nicht mehr gibt. Bomben des "Splittermax" oder "Rolbahnkutschers" krachten in ziemlicher Nähe unserer Unterkunft runter und schmetterten uns einen 1 kg-Splitter ans Haus.
Mein Major, der vor drei Wochen erstmals Vater geworden ist - und ich, wir erzählen uns natürlich oft voneinander, den Kindern. Heute haben wir unser gutes Einvernehmen dadurch gekrönt, dass wir gemeinsam unsere letzte gute Kommandeurszigarre rauchten.


2. 11. 44

      Mutter versorgt mich seit einiger Zeit mit der MNZ*) sie mutet einen völlig fremd an und für den verkrampften örtlichen Parteijargon fehlt mir jedes Verständnis. Für vieles, was berichtet wird, fehlt mir zwar der Beurteilungsmaßstab, aber zum "Volkssturm" würde mich interessieren, ob er denn wenigstens mit automatischen Waffen ausgestattet ist, damit man ihn an ruhigen Abschnitten als Stellungstruppe einsetzen kann, denn anders wäre er reines Kanonenfutter. Auf ein Wiedersehen zu Weihnachten müssen wir wohl verzichten, es sei denn, es geschähe ein Wunder. Um hier wegzukommen, müsste man schon ein ganz brauchbarer Offizier sein oder etwas auf dem Kerbholz haben. Und das bin ich nicht und das habe ich nicht.

*) Mitteldeutsche Nationalzeitung - die besonders NS - treue hallische Zeitung


3. 11. 44

      Sturm und strömender Regen, wie seit Anfang Mai nicht mehr. Ich kann den Brief fortsetzen. Ein Stabsarzt nimmt ihn morgen ins Reich mit. Wenn Du ein Päckchen schicken willst, dann stopfe Eli´s Schal mit hinein, denn mit der Winterkleidung wird es auch diesmal schlecht bestellt sein und dann ist es ja auch schon Tradition, dass mir das Kind das Ausrüstungsstück im Winter herleiht, so lange der Krieg dauert …


5. 11. 44

      Herr Reinbold hat mit seinem Ausspruch*) ganz Recht. Du ahnst nicht, wie uns die Über-organisation, die gegenseitige Unversöhnlichkeit des bürokratischen Apparates, dessen Anspruch überall "beteiligt" zu sein, den Sieg erschweren …
Seit gestern früh haben wir bei uns wieder Großkampf auf schmalster Front …
Den Brief nimmt diesmal ein Universitätsprofessor aus Leipzig mit, der zwei Monate Fronterfahrung haben muss, um Offizier werden zu können. Man hätte ihn aber hinter seinem Grimm´schen Wörterbuch lassen sollen, - da passte er besser hin.
Ella, - wann werden wir uns wohl wiedersehen? Vor keiner Zukunft ist mir bange, wenn wir sie zusammen meistern können. Ein hartes, karges Leben erwartet uns so oder so!

*) Nachbar Rs., Bonmot , das Ella weitergab, lautete "Wir könnten den Krieg ja gewinnen, wenn den Behörden nicht doch noch das Gegenteil gelingt!"


8. 11. 44

      Es regnet und die Straßen sind fürchterlich. Jetzt haben wir auf einmal reichlich Munition, aber sie nach vorn zu schaffen, bereitet unendliche Schwierigkeiten. Der Feind hat sich in den letzten Großkampftagen wieder sehr blutige Köpfe geholt und nichts Nennenswertes erreicht. Damit Du es verstehst: unsere Aufgabe ist, starke Kräfte des Feindes zu binden und eine ständige Bedrohung seiner Ostpreußenfront zu sein. Ich weiß, für wen ich hier bin und ich glaube, durch jeden von uns geht die Ahnung von der größten Aufgabe des Mannes, Haus und Familie, Weib und Kind zu verteidigen.


11. 11. 44

      Nach 8 Tagen Pause hat heute früh der Großkampf an unserer Front begonnen, doch war die HKL bis zum Abend wieder ganz in unserer Hand. Morgen wird der Spuk weitergehen, bis alles wieder in Blut und Schlamm versinkt. Letzterer soll, besonders vorn, entsetzlich sein, - ich sehe ja nicht viel davon, da ich ziemlich an die Stube gebunden bin und auch gar nicht gern in den endlos rieselnden Regen hinausgehen mag …


15. 11. 44

      Seit zwei Tagen ist es bei uns ruhig geworden. Alle Angriffe sind, zuletzt spielend, abgeschlagen worden. Bei den Nachbardivisionen kamen (russische) Offiziere und blutjunge Soldaten weinend zu unseren Linien, völlig erschöpft durch das ewige Vorgetriebenwerden erklärten, dass nicht nur sie, sondern alle am Ende wären.
Alle Mann arbeiten bei uns an der Befestigung der völlig verschlammten Wege. Ich habe noch nicht mitgemacht, weil ich augenblicklich eine komische Nervenlähmung an der rechten Hand habe: Kleiner und Goldfinger sind seit Tagen wie abgestorben. Der Arzt meint, es käme vom Telefonieren und gibt mir Vitamin B -Tabletten


19. 11. 44

      Demnächst werde ich wieder in eine große Vortragsaktion eingespannt, - die Unterlagen, die ich dafür bekommen habe, sind recht aufschlussreich und stimmen recht hoffnungsvoll. (Sic! - W.N.) Den Russen sich vom Leibe halten, sollte uns nicht schwer fallen, wenn auch unser Fußvolk nicht mehr das von 1941 ist und Goebbels behauptet, dass die Überlebenden angeblich das Beste darstellen würden. Wenn man allein bei irgendeinem ankommenden Ersatzhaufen das Physiogonomonische mustert, dann muss man erkennen, dass der Krieg seit 1940 eine durchaus negative Auslese getrieben hat. Was soll ich zu Frl. St.s Brief sagen?*) Ermatten und ermüden wäre unser aller furchtbarster Untergang. Sieg am Ende dieses Krieges kann kein Volk verlangen! Das ist begrifflicher Wahnsinn. Aber als Volk ihn überleben, das ist denkbar und möglich.

*) Frl. St. hatte von Bombenangriffen auf Mainz berichtet


24. 11. 44

      Bei uns begann gestern früh ein Großangriff mit einem zweistündigen Trommelfeuer, das dann plötzlich verstummte. Unsere Division hat sich wieder hervorragend geschlagen. Es scheint, dass die Krise gemeistert ist und dass der Gegner seine Hauptstoßkraft eingebüßt hat. Auch der neue Divisionskommandeur, ein Balte, der vor zwei Monaten General Versock folgte, ist tüchtig und findet Vertrauen …
Die Nervenlähmung der rechten Hand hat sich noch nicht gebessert, - weder Wärme, Massage noch Vitamintabletten helfen. Ein unangenehmes Gefühl!


28. 11. 44

      Ein wahrhaft goldener Sonnenschein hat die trübseligen grauen Tage beendet. Wie befreiend doch das Licht ist, obwohl es dem Kummer der Völker und Menschen eigentlich nicht abhelfen kann. Ich meine, wenn viele und schließlich die Überzahl so fühlen würden, dann müsste sich auch der Krieg totlaufen. Möglicherweise wird das, wenn wir solange aushalten, das Ende des Wahnsinns sein.
Eben ist nach 8-tägiger Reise Dein Weihnachtspaket nebst einigen Satelliten angekommen. Mit dem Öffnen des Pakets will ich warten, bis mein Gegenüber, Major Cramer, zurückkommt.
Ach, könnte man sich nur aus Herzensgrund freuen, - immer dieser gräuliche Druck, - das fortwährende Grübeln über unsere jetzige Lage, die wir uns selbst durch eine völlig überhastete, ganz sachunkundige Elefant-im-Porzellan-Laden - Politik geschaffen haben, durch unsere politische Hysterie!
Eben haben wir das Paket geöffnet, ganz behutsam hinein geschaut. Was unter dem Gebäck liegt, weiß ich noch nicht. Von den köstlichen Zigärrchen haben wir zwei geraucht. Jedenfalls werden nun die Advente gefeiert, denn bis Weihnachten werde ich es doch nicht aufheben, man kann ja nicht wissen was bis dahin geschieht.
Was musst Du als Luftschutzuntergruppensachbearbeiterin - ein herrlicher Titel - eigentlich tun? Übersteigt das nicht Zeit und Kraft einer Vier-Kinder-Mutter?


4. 12. 44

      Es geht mir denkbar gut, nachdem wir einen ruhigen und gegen Überraschungen ziemlich gesicherten Nachbarabschnitt übernahmen. Doch bin ich nicht zufrieden, - ich möchte eben noch mehr helfen, den Krieg bald zu einem glücklichen Ende zu bringen. Aber wer weiß, was von einem noch gefordert werden wird.


7. 12. 44

      Dein Weihnachtspaket bereitet uns nun schon 10 Tage Weihnachtsstimmung und das Buch von Saint Exupery begann ich gestern und kam von diesem bezaubernden Mannestum und dieser klaren Denksprache einfach nicht mehr los. Du darfst nicht böse sein, dass ich das Paket nicht erst zu den Weihnachtstagen öffnete, aber weiß man, was dann los ist.
Gestern hörte ich einen Vortrag über die Lage vom NSFO der Armee, einem großmächtigen Mann, - der sagte, dass man denen, die man hier im Ostland als politische Führer, Machthaber oder Sachwalter eingesetzt habe, noch jetzt den Strick um den Hals legen müsse. Das ist eine Ursache unseres Elends - dieses verfluchte, anmaßende, unwissende Bonzentum, das hoffentlich jetzt im Feuer der Not etwas reiner gebrannt wird …


11. 12. 44

      Es kam ein Päckchen von Kantor F., der mir 40 von den dünnen Zigarillos schickte, wie sie Hermann Etzrodt*)zu rauchen pflegte, - ich glaube fast, sie stammen noch aus dessen Besitz. Die kamen wie gerufen, denn der Major Cramer und ich, wir besaßen keine Krume Tabak mehr. Wir bekommen nämlich nur noch 4 Zigaretten oder 5g Tabak am Tag.
Ich habe in den letzten Wochen in Büchern gewühlt, hunderte gingen durch meine Hand - leider ist das meiste von dem, was nach 1933 erschien, arge Spreu.

*) H. E., ein junger Pfarrer und Erichs Freund, war schon 1941 in der Ukraine gefallen


13. 12. 44

      Die Ruhe an der Front dauert an. Besonders tapfere Soldaten werden auf Urlaub geschickt. Gestern verabschiedeten wir einen Rittmeister, ein lieber, feiner, bescheidener, fast kindlicher Mensch, der das Ritterkreuz und die silberne Nahkampfspange bekommen hatte; er schenkte jedem von uns aus seiner Ritterkreuzzulage 6 Zigarren. Ebenso konnte ein älterer Oberleutnant, den ich schon seit 1941 kenne, ins Reich fahren und nimmt den Brief Nr. 104 mit. Wir nahmen so herzlich Anteil an dem Glück der beiden, dass uns war, als dürften wir selber fahren. Jedenfalls gönnt man es ihnen ohne jeden Neid.
Mein Gegenüber liest im Augenblick "Wind, Sand und Sterne" und kommt nicht davon los, obwohl er sehr pflichtbewusst ist. Ich lese Fontanes "Effi Briest", um mich an seiner guten Menschenschilderung zu erfreuen und um den vielen modernen Mist zu vergessen.
Die 60 Mark waren für Dich, die Krankenhauskosten für Mutter zahle ich und werde monatlich mindestens 150 Mark schicken. Hier können wir doch nichts kaufen. Wie viel Bezugscheine für einen Reitbesatz meiner guten Hose habe ich z. B. schon gehabt, aber nie einen bekommen, während die Herren Intendanten und Zahlmeister von oben bis unten beledert herumlaufen, obwohl sie selten genug ein Pferd zwischen den Schenkeln gehabt haben.
Denkt am Heiligabend an mich und erzählt Euch ein wenig von mir, und lasst das Klavier nicht ganz schweigen, und wenn Du zu Bett gehst, nimm mich im Geist oder im Traum in Deine Arme. Mein Majorskamerad trägt mir die verehrungsvollsten Grüße für Dich auf.


14. 12. 44

      Ich habe doch nicht gezankt, sondern nur den Wunsch ausgesprochen, Du möchtest mehr von den Kindern erzählen, weil meine Sehnsucht nach ihnen manchmal übergroß ist. Du siehst sie täglich, ich aber muss sie ganz und gar entbehren.
Ich ging heute bei scharfem Frost über Land, sah am Rande eines Feldes einen Holzstoß, dem, ohne dass man Feuer sah, Rauch entquoll. Als ich näher kam, da war es ein Feldgraben, über den an einer Stelle ein paar Lagen Hölzer gedeckt waren, das eine Ende mit Erde, das andere, der Eingang, mit einer Decke verschlossen, - ein mehr als primitiver Unterstand - und davor hockten, in der bitteren Kälte, zwei ganz anständig gekleidete, liebgesichtige Mädchen von 8 und 10 Jahren und schauten in der Einöde ohne alle Furcht auf den Offizier, der das Elend ansah, nicht helfen konnte, der sich trollte und an seine Kinder dachte und daran, wenn die ein solches Schicksal träfe.
Aber sonst ist Dein Brief schön und lieb, nur in einem kann ich nicht folgen: Du rügst meinen Gemütshistorismus. Mein Gott, wenn man sich des Glückes nicht dankbar erinnern darf, - woraus sollen wir armen, dreimal Verdammten denn die Kraft schöpfen, uns hier zu halten? Glaube mir, das ist kein schwächliches Nachempfinden oder eine Flucht in die Vergangenheit; aber ich verbrenne nicht das, was ich angebetet habe und überhaupt sitzt es viel tiefer. Mut und Liebe haben sich immer von selbst verstanden und keine Zeit hat sie gering geachtet. Alles andere ist sehr umstritten.
Was sollen wir denn von diesem Krieg glauben? Man sagt, man habe alles getan, ihn zu vermeiden, - aber ob es richtig getan ward? Es wird die Zeit kommen, wo sich die Menschheit fragt, warum für und gegen Bolschewismus oder Faschismus 25 Millionen Menschen in die Erde sinken mussten, ungerechnet des zerstörten bescheidenen Glücks einer zehnfachen Zahl. Dahinter aber stecken Machtgier, und Öl und Kohle und Verbrechertum aus Veranlagung, Tugenden und Untugenden der Völker.


17. 12. 44

      Über die neue Angriffsschlacht im Westen wage ich kein Urteil abzugeben. Wird das Aachener Loch von hinten wieder zugestopft, dann ist sehr viel gewonnen und wir wollen dankbar sein. Indes soll das Ei nicht klüger sein wollen als die Henne, - ich sollte mich überhaupt auf die Finger schlagen, weil man immer noch mitdenkt und nicht blind seine Pflicht tut. Im Übrigen hat der Krieg ja längst den Punkt überschritten, an dem für den künftigen Sieger noch ein Vorteil herausspringen könnte …
Gestern Nachmittag war ich vom Kommandeur des Div. - Vers. - Rgts. eingeladen worden, seinen neuen Bunker mit einzuweihen, was unter Zuhilfenahme von 3 Zigarren, 3 Gläschen Curacao, einem Teller Wehrmachtssuppe auch leidlich gelang.
Die Überraschung war ein sehr ordentliches Klavier, da man in besagten Bunker gestellt hatte. Wir spielten uns gegenseitig an: er, großer Getreidehändler aus Zwickau, mit einer gewissen Weltmännischkeit, worauf seine Beliebtheit beruht und - eben ich.
Ich spielte die drei Sachen, die ich leidlich auswendig kann: C - Dur und d - Moll Präludium aus dem wohltemperierten Klavier, und den 3. Satz aus der Beethoven - Sonate f - Moll op. 3 Nr.1. Er dagegen schüttelte die Ärmel und den markanten Kopf, seufzte dreimal und phantasierte, den Blick gegen die Balkendecke, nicht ohne Modulationskunst, über sämtliche Weihnachtslieder bis zu modernen Schlagern, meist mit Akkorden zu 36 Tönen in Arpeggio durch alle 7 Oktaven des Klaviers. Schaurig schön, - mit offensichtlicher, aber irregeleiteter Begabung.


20. 12. 44

      Der General*) hat heute die Menge der russischen Freiwilligen, früher Hilfswillige genannt, um sich versammelt, um eine russische Ansprache an sie zu richten und Auszeichnungen zu verteilen. Er hat eine nicht ungewöhnliche Vergangenheit. Baltischer Förstersohn, im Weltkrieg russischer Offizier, dann bei der baltischen Landeswehr, später, bis 1934 in der lettischen Armee, dann Rennstallbesitzer in Riga. Ging 1939 ins Reich und ist nun General und als Mensch ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, Vater seiner Soldaten und ein recht würdiger Nachfolger unseres Versock.
Weihnachten wird nicht so reichlich ausfallen wie vergangenes Jahr, aber für die kämpfende Truppe wird doch allerhand herangeschafft. Allgemein ist eine bedeutende Besserung der Stimmung festzustellen, - vor allem kehrt das alte Überlegenheitsgefühl zurück. Auch Waffen werden erstaunlich gut nachgeschoben.
Wirst Du für die Kinder ein Weihnachtsbäumchen haben?

*) Nachfolger von Generalleutnant Versock war Generalmajor Schultz, er überlebte Krieg und Gefangenschaft bis 1955


Heiligabend 1944

      Ich bin in einer ganz leidlichen Stimmung, die nur getrübt wird durch die Hand, die sich nicht bessert und durch heftige Schmerzen an der Krimwunde. Der Rundfunk bringt Musik, die ich Dir auch zu unserer wunderbaren Weihnachtsfeier in der Magdalenenkapelle 1924 vorspielte; sie weckt tausend süße Erinnerungen. Wie wird es in dieser Stunde bei Euch sein? Es gab heute Stunden, da wollte die Sehnsucht nach Dir und den Kindern mir fast die Brust zersprengen, aber nun hat die Musik die Empfindungen besänftigt.
Es ist tröstlich, wenn sich in dienstlicher Arbeit zwei Männer zusammenfinden wie der Major Cramer und ich, da gibt es kein seichtes Gerede, immer ist es ein ernsthaftes Gespräch und lebendiges Interesse am Ergehen des anderen. Er hat es vielleicht noch schwerer, - eine junge Frau zu Hause, mit der er kaum ein halbes Jahr zusammen leben konnte, - ein Kindchen, das er noch nicht gesehen hat. Ich dagegen kann von zehn Weihnachtsfesten erzählen, von denen - ist es nicht großartig - keines ohne Kinder war.


28. 12. 44

      Von den bisher so glänzend abgewehrten Angriffen war der Abschnitt unserer und der benachbarten Division ausgenommen, - wir hörten nur den ganzen Zauber.
Heute Nachmittag konnte ich sogar ins Kino gehen und sah, allerdings technisch bis zum Verdruss vielfältig behindert, den Farbfilm "Immensee". Abgesehen von einigen geglückten Bildern ist es ein infamer Kitsch, - am unverzeihlichsten finde ich, dass man dem Film den Namen der Novelle gegeben hat. Er sagt denjenigen, die sie nicht kennen, gar nichts; während die, die sie kennen, von einer peinlichen Empfindung in die andere fallen. Dabei ist der Stoff nicht unverfilmbar. Brigitte Horney wäre eine bessere Elisabeth gewesen als die nicht passende Kristina Söderbaum. Wir haben Weihnachten sehr schön verlebt, fast in uns gekehrt, in besinnlichem Gespräch, etwas vergnüglicher bei den Kradmeldern, Funkern und Telefonisten. Am 1. Feiertag habe ich - da man mich zum Kasino - Offizier gemacht hat, für den Abend gekocht - aber prima, sage ich Dir - Rauchfleisch in Scheiben und aus dem Kochsaft mit Tomatenmark, Rotwein und Gewürz eine Tunke komponiert, mit der hätte ein Fachmann Ehre einlegen können. Dazu gab's in Butter gedünstete Möhren und Salzkartoffeln. Am Heiligabend hatte ich eine besondere Freude: General Versock schickte mir sein Bild mit einem Gruß. Wenn man den Mann kennt und die Ansprüche, die er an die Menschen im Allgemeinen und an seine Offiziere im Besonderen stellt, dann bedeutet solche Gabe keine kleine Ehre. Einen besonderen musikalischen Genuss muss ich noch erwähnen: 1. ein ganz entzückendes Singspiel von Mozart "Die Gans des Kalifen", von den Wiener Sängerknaben geboten, und 2. die herrlichen Melodien aus den "Jakobinern" von Dvorak. Die Modernen sind Epigonen und Nichtskönner gegen solche Melodien- und Musizierseligkeit.


31. 12. 44

      Die Tage zwischen dem Fest und Neujahr sind still dahingegangen, - einige Male konnte ich " o. b. V." - ,ohne besondere Vorkommnisse' ins Kriegstagebuch schreiben; von allen Freunden bekam ich noch Briefe und Gaben, - ein großer Trost, eine solche Gemeinde guter und wertvoller Menschen um sich zu haben.


1. / 2. 1. 45

      Die Vorbereitungen zum gemeinsamen Essen am Silvesterabend schnitten mir gestern den Schreibfaden ab, wenn ich auch nicht zu kochen brauchte, wie am 1. Feiertag. Aber es war Punsch zu bereiten, Sekt kalt zu stellen, die Gerste zu rösten und den Kaffee daraus zu kochen. Von meinem Vorhaben, ein paar wohlüberlegte und gute Worte zu sagen, nahm ich Abstand, nachdem wir Goebbels und den Führer gehört hatten.
Die große Schlacht ist abgeflaut, obwohl im linken Nachbarabschnitt noch ziemliches Gerumpel zu hören ist, - verwunderlich, da Neujahr den Bolschewisten ja als hoher Feiertag gilt. Ich behaupte übrigens gar nicht, dass meine Auffassung unserer Lage die einzig richtige sein muss, - aber sie zeigt eine wesentliche Ursache an: die Sünden, die in den ersten Kriegstagen üppig ins Kraut schossen, weil wir den Krieg viel zu leicht nahmen. Hätten wir 1941 alle aus nichtigen und unsachlichen Gründen Uk. - Gestellten zu Divisionen formiert, Russland läge wohl am Boden. Aber es ist müßig, diese Gedanken weiter zu spinnen.


6. 1. 45

      Bin heute wie neugeboren, weil ich Deinen Brief vom 21. 12. mit der köstlichen Schilderung des Christbaumkaufes erhielt - ich hab sie gleich Cramer vorgelesen.

Hier sei Ellas amüsanter Bericht vom Christbaumkauf 1944 eingeschoben:
      Der gestrige Tag stand ganz im Zeichen des Christbaumkaufs. Es war bekannt gegeben worden, dass es ab 20. 12. an 5 oder 6 Verkaufsstellen Bäume geben sollte. Es gab aber nur welche für Hallenser mit Kindern von 3 - 10 Jahren, das wurde auf der Haushaltskarte kontrolliert und abgestempelt.
Ich wählte trotzdem, obwohl keine Hallenserin, die Verkaufsstelle Krausenstraße in Nähe der Kliniken, wo ich anschließend Mutter besuchen wollte. Ich war um 9 Uhr früh da und sah eine Menschenschlange, deren Ende sich im Dunst des Fabrikhofes verlor. Vorne sah ich, wie grade einer Frau unter lautem Gezeter ein Baum wieder entrissen wurde, weil man "Saalkreis" auf ihrer Haushaltskarte gelesen hatte. Alles nicht ermutigend - aber einen Baum wollte ich haben.
Ich stellte mich also am Schlangenschwanz an, machte mich mit meinen Nebenfrauen bekannt, ließ meinen Platz besetzen und stürmte zu Oma in die Klinik. Unterwegs versuchte ich noch Zigaretten zu bekommen, es gab aber keine. Oma wunderte sich über mein frühes Erscheinen. Leider ging es ihr immer noch nicht gut und ihre Haushaltskarte hatte sie auch nicht dabei. Also wieder zurück und erst einmal den Verkauf beobachtet. Als ich feststellte, dass man zwar auf den Vermerk "Saalkreis", nicht aber auf die Kinderzahl achtete, lief ich nochmals in die Klinik, diesmal zu Käthe, borgte mir deren Haushaltsausweis, eilte zurück und reihte mich wieder ein, was nicht ohne Murren abging. Aber ich überzeugte die Damenwelt, dass ich erst noch meinen Ausweis habe holen müssen. Derweil war aber die Schlange in große Unordnung geraten. An den Seiten hatten sich große Auswüchse von neu Hinzugekommenen - meist Männern - gebildet, die immer mehr nach vorn drängten, wo der Haufen der Christbäume lag.
Vergeblich schrie der Verkäufer - Herr Meier hieß er - mit heiserer Stimme die Leute zur Ordnung. Auf einmal großes Geschrei: die Vordersten lagen mitsamt Herrn Meiern in den Bäumen. Großes Geschimpfe von ihm und der Beschluss: "Es wird nicht mehr weiterverkauft!" Doch kein Mensch rührte sich von der Stelle.
Nach 10 Minuten ging der Verkauf weiter, aber man hatte einen Schupo alarmiert. Aber da hatte man nun einen recht unpassenden Vertreter von Recht und Ordnung kommen lassen. Dieses hilflose Geschöpf ruderte nur immerzu mit weiten Armbewegungen in der Menge herum, die sich hinter ihm wie ein zäher Brei immer wieder schloss. Manchmal stand er drinnen, manchmal draußen, manchmal stak er ganz fest. Alles beobachtete voller Interesse die seltsamen Bemühungen dieses Ordnungshüters.
Das Gedränge wurde erneut so arg, dass vorne wieder einige Leute in die Nadeln sanken. Nun machte Herr Meier endgültig Schluss und verkündete, morgen erst werde weiter verkauft, - der Arme sah aber auch zum Erbarmen aus. Ein Teil der Leute ließ sich wirklich beeindrucken und ging. Vielleicht mussten sie auch nach Hause, denn es war ja inzwischen 12 Uhr geworden. Nun machte eine Gehilfin den Versuch, die Leute, die geblieben waren, zu Vieren zu ordnen. Ich geriet auch mit in das Karree und wir warteten ergeben auf unseren Baum, - ich immer noch in der Angst, auf Käthes 1-Personenausweis gar keinen Baum zu bekommen. Inzwischen ertönten die Sirenen - aber nur Voralarm. Es waren 3° Kälte und ziemlicher Nebel. Alles um mich her zitterte und fror. Ich hatte mich aber während der Stunde bei Oma schön aufgewärmt und fror nicht. Derweilen verkaufte Herr Meier lustig weiter und zwar an die Neuankömmlinge! Wir standen und riefen, er solle zu uns kommen, wir hätten uns so schön aufgestellt, worauf er doch so großen Wert gelegt hätte. Er kam aber nicht. Da bin ich ruhig entschlossen um die Traube herumgegangen, habe einen Baum ergriffen, habe meine Karte abstempeln lassen und schnell wieder an mich genommen, habe 3 Mark bezahlt und bin aufatmend mit meiner Trophäe davon. Die anderen standen immer noch im Karree, fein geordnet.
Es war halb eins und ein sehr schöner großer Baum. In die volle Elektrische zwängte ich mich nur mit Mühe hinein - die Zweige klatschten den Leuten ins Gesicht, sie sagten aber nichts. Als ich ausstieg, gab es Vollalarm, aber der konnte mich nun auch nicht mehr stören.
Das war der Baumkauf. Vergessen habe ich noch die theaterreife Szene, als einige Frauen bemerkten, wie Frau Meiern ein paar Fleischmarken zugesteckt wurden und die Bestecherin sehr schnell einen Baum bekam. Es war alles sehr interessant, erheiternd und lehrreich - wirklich wie im Theater.



7. 1. 45

      Es wäre ein Jammer, wenn Mutter die Welt ihres nun doch sorgenfreien Lebensabends vor der Zeit verlassen müsste. Sollte das Schlimmste geschehen, dann schicke mir auf jeden Fall ein von der Ortsgruppe der Partei bestätigtes Telegramm.
Ich freue mich, dass ich Dir schon mitteilen konnte, dass Deine Befürchtungen wegen der 3. Kurlandschlacht gegenstandslos sind. Es hat sich seit etlichen Monaten manches gewandelt und Du darfst nicht vergessen, dass die Katastrophen des Sommers weniger in der Überlegenheit des Gegners, sondern in schlechter Führung, in Leichtsinn, in mangelndem Kampfgeist der Etappe lagen. Bedenke, dass die 24. Division noch nie geworfen wurde! Und dass bei ihr noch nie Durchbrüche versucht wurden, weil der Gegner über ihre Qualität natürlich genau unterrichtet ist.*) Und es ist für ein Volk besser, Männer wehren sich und fallen, als dass sie sich "retten". Mit den schärfsten Mitteln, leider nicht früh genug, sind alle Zeichen soldatischer Unmoral und das Versagen von Männern und Offizieren bekämpft worden. Wir haben uns, ebenso wenig wie die Franzosen 1917, gescheut, alle Feiglinge nach kürzestem Prozess an die Wand zu stellen. Und etwaige Überläufer trifft ein noch härteres Schicksal: Sippenhaftung! Selbst geringere Vergehen gegen Zucht und Sitte werden jetzt scharf geahndet: kürzlich wurde ein Major, der ein Verhältnis mit einer als Putzfrau getarnten Lettin unterhielt, unter Nennung seines Namens und Bekanntgabe an alle Offiziere der Heeresgruppe, mit 4 Monaten Gefängnis bestraft. Ich denke, so bildet man den Geist, mit dem dieser Krieg bestanden werden kann.
Für das Volksopfer kannst Du meinen SA-Mantel und meine SA-Cordhose abgeben, - wenn jeder Parteiuniformierte soviel gibt, können wir Millionen von Soldaten neu einkleiden. Stiefel u. dergleichen kommen nicht in Frage, da wachsen die Jungen schnell hinein. Dass Klapp schon wieder im Lazarett ist, wusste ich noch nicht! Ist er nun so ein Unglücksvogel oder versteht er sich zu drücken? Hermann Trenkel**) dagegen exerziert seine Volkssturmkompanie dreimal in der Woche - mit einer Niere! Mit den Offizieren und Beamten waren wir bei mildem Wetter im Wald, wo ich eine schöne Schießbahn hatte schlagen lassen. Auch nach einer Ehrenscheibe wurde geschossen, die ich diesmal nicht gewann, weil ich meinen Stutzen noch nicht einschießen konnte. Zwischendurch gab es für jeden zwei Gläser Grog, wodurch sich die Stimmung nicht wenig erhöhte. Auf einen 60 cm starken Baum schossen wir eine kleine Panzerfaust ab, die diesen völlig durchschlug.
Der übrige Inhalt Deines Briefes hat mich tief erschüttert. An eine bewusste Schuld Wentzels kann ich nur mit Mühe glauben. Und wenn er, was möglich ist, unbewusst schuldig geworden ist, so hat er dieses Schicksal nicht verdient und es mögen so undurchsichtige Gründe seinen Tod herbeigeführt haben, wie den so vieler Unschuldiger vor 10 Jahren***). Ich versuche nicht, die Unglückseligen vom 20. Juli zu verstehen, - das kann man einfach nicht. Aber man sucht doch nach Motiven, die nicht in das Gebiet der Geistesverwirrung fallen. Sie mussten doch an das unsägliche Unglück denken, das sie über die Nation brachten, auch wenn sie Willens waren, durch die Kapitulation Schlimmes abzuwenden. Es gibt doch nur die eine Alternative: entweder wir beißen uns durch oder wir stürzen alle in den Abgrund.

*) das Ereignis vom 24. 7. 44 hat Erich offenbar perfekt verdrängt! - W.N.
**) H. T. = etwas älterer Weltkriegskamerad Erichs in frz. Kriegsgefangenschaft 1917/18, Gefangenschaft 1918 - 1920, Volksschullehrer in Ostpreußen mit niedriger NSDAP-Parteinummer - W.N.
***) der sogen. Roehm-Putsch am 30. 6. 1934 mit insgesamt (geschätzten) 400 ohne Prozess ermordeten Personen.



10. 1. 45

      Ich bin der festen Hoffnung, dass sich nun alles zum Besseren wenden und die Mutter gesund die Klinik verlassen wird. Rede ihr nur zu, dass sie sich ein künstliches Auge anfertigen lässt, die Kosten sind erschwinglich und ich werde auch fleißig Geld schicken. So ein Kunstauge ist die einfachste Sache der Welt, - ich sehe es an Major Cramer, der es ohne Beschwer und Entstellung trägt. Es bewegt sich sogar ein bisschen mit …
Wir sehen in ziemlicher Ruhe einem Angriff entgegen, für den genaue Anzeichen vorhanden sind, aber Ihr müsst Euch nicht soviel Sorgen machen: wir sind nicht "abgeschnitten" und sind kämpferisch den Russen weit überlegen. Das wiegt sein Material auf und mehr noch (Sic! - W.N.)
Heute erst war der Oberbefehlshaber Generaloberst Schörner*) da und hat der Division großes Lob gespendet. Ein Elend, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die Feindsender abhören und das Gehörte auch noch weiter tragen. Warum nur glauben diese Schwachköpfe nicht der Front, die für die meisten Feindgerüchte den richtigen Maßstab hat. Und selbst wenn dieses oder jenes stimmt, - glauben diese Menschen denn, dass solche Nachrichten zu ihrem Besten verbreitet werden? Ich bitte Dich, allen, die solche Dinge verbreiten, tüchtig über den Mund zu fahren. Einen besseren Dienst kann man der Front nicht erweisen. Glaubst Du denn, dass bei uns irgendjemand den Flugblättern glaubt, die zu hunderten im Gelände herumliegen? Man liest sie und lacht, wenn man z.B. erfährt, dass die 24. Division unter der Führung ihres Generals Schultz zu den Russen übergegangen sei!

*) Ferdinand Schörner 1892 - 1973, vorher Chef des NS-Führungsstabes im OKW, übernahm die Heeresgruppe Nord Ende Juli 44. Wurde von Hitler wegen seiner Brutalität und seiner Durchhalte - Mentalität geschätzt und noch am 30. 4. 45 zum Generalfeldmarschall befördert. s.a. die Anm. zum Brief v. 7. 1. 45 - W.N.


16. 1. 45

      Denkst Du noch an die Zeit vor einem Jahr? Wenn ich meine jetzige Lage damit vergleiche, könnte mir übel werden. Das, was man von der brennenden Ostfront hört, ist auch nicht erquicklich. Dem Gegner scheint mal wieder ein rascher Durchbruch gelungen zu sein. Die militärische Not ist meiner Meinung nach auf die 2 Millionen zurückzuführen, die uns im Herbst 1941 fehlten, weil sie uns den Sieg über Russland garantiert hätten. Deswegen konnte ich auch am Sonntag nicht die rechte Stimmung aufbringen, als wir den General zum Hasenessen eingeladen hatten, denn leider ließ man um Mitternacht den General allein gehen und setzte mit Schnäpsen die Geselligkeit fort, wobei denn einige ihre innerste schwarze Seele nach außen kehrten. Es wurde entsetzlicher Quatsch geredet. Am schlimmsten gebärdete sich unser neuer Waffen- u. Geräte-Offizier, ein ziemlich fatzkenhafter Hauptmann, der ruhmredig verkündete, wie er unter den zur Heeres-Munitions-Anstalt Güstrow einberufenen BdM-Mädels gewildert habe. Derselbe stahl - anders kann ich es nicht nennen - am Ende der Tafel eine halbe Flasche Kakaolikör und drohte der Kasino-Ordonnanz, sie ins Kreuz zu treten, wenn der Mann etwas davon verrate. Gestern Abend habe ich mich wieder als Koch betätigt, - für die Kradmelder und Funker habe ich eine prächtige Hasensuppe komponiert: also die ganzen Hasengerippe, das angebratene Hasenklein, ein Rest Rotkraut, die vom Mittag übrig gebliebene Grützsuppe, 100g getrockneter Weißkohl, Lorbeerblatt, Bratensoße, Gewürze sehr sparsam, 1/2 Flasche Rotwein - ich kann Dir versichern, das war ein Süpplein. Natürlich kamen noch andere, nicht unliebe Gäste, der frühere I c Enders, der hallesche Zoologieprofessor Herre, der jetzt NSFO an einer Waffenschule in Kurland ist. Heute war's nur leichte, sehr leichte Plauderei, nimm's so mit …


19. 1. 45

      Mit aller Kraft kämpfe ich gegen die trübe Stimmung an, die der Wehrmachtsbericht mit seinen ununterbrochenen Hiobsbotschaften bewirkt. Da sitzt man nun mit seinen Überlegungen und all den Bedenken gegen unsere irrsinnige und geduldlose Politik der Jahre 1933 - 39, die man instinktiv fühlte. Ich betone immer wieder, dass der Krieg vermutlich nicht zu vermeiden war, aber er durfte, politisch schlecht und rüstungsmäßig unzureichend vorbereitet, noch nicht begonnen werden. Ich las jüngst die Bismarck - Reden. Die niedere Parteipresse hat ihm ja vor Jahren den Vorwurf gemacht, dass er die großdeutsche Lösung der deutschen Frage nicht geschafft habe. Bei der Lektüre ist mir die jahrzehntelange Geduld und die unglaubliche Sorgfalt aufgefallen, mit denen er seine Pläne durchsetzte, - und wir dagegen? Nun, das sind jetzt alles unnütze Betrachtungen. Die Besten unter uns leben in einem tiefen Zwiespalt, sie sind bereit, alles zu geben, aber sind nicht dumm genug die Fehler der letzten Jahre zu übersehen. Ich für mein Teil denke immer noch an den kalten Schauder, der mich durchfuhr, als man 1941 verkündete, man müsse die Munitionsproduktion drosseln, weil man zuviel habe. Mein Gott, wenn wir die damals nicht produzierte Munition hier hätten - bei der Güte unserer Artillerie und der Artillerieempfindlichkeit*) des Russen, - wir würden heiter in die Zukunft blicken.

*) Generalstäblerjargon; im Übrigen s. d. Anm. zum Brief v. 17. 10. 44


Sonntag, 21. 1. 45

      Ich sitze allein im Bunker und denke darüber nach, ob es nicht besser und zweckmäßiger wäre, die X Divisionen vom Brückenkopf Kurland dem Feind bei Insterburg oder ostwärts Breslau entgegen zu werfen. An unserem Eifer sollte es nicht mangeln. Es wäre uns lieber, als hier faulenzen zu müssen.
Bei uns schneit es seit Tagen. Wir werden es bald hier nicht leicht haben. Ein Jammer, dass wir in den ersten Jahren den Krieg nicht ernst genug genommen und den Gegner, über den man zu wenig wusste, unterschätzt haben, und zu sehr vom Affekt verblendet waren …
Ich las in den letzten Tagen ein ehemals berühmtes Buch "Briefe, die ihn nicht erreichten" von der Baronin Elisabeth v. Heyking*), das mich höchlich gefesselt hat …

*) der Adressat der Briefe war der Botschafter v. Ketteler, der beim sogen. Boxeraufstand im Jahre 1900 in der belagerten Pekinger Botschaft ums Leben kam. Ein auch heute noch lesenswertes Buch, das seinerzeit in hoher Auflage erschien.


27. 1. 45

      "Millionen Herzen werden zu Boden getreten werden" - das schriebst Du im Juni 1941 - jetzt ist es wirklich so weit. Zentnerschwer legt es sich einem auf die Brust, wenn man an das Schicksal der Menschen in Ostpreußen, im Wartheland und in Schlesien denkt. Man zergrübelt sich das Gehirn, wie eine solche Katastrophe möglich war und ob wirklich ein jeder seine Pflicht getan hat. Ich versuche, meine Seele vorzubereiten und in der letzten Stunde stark zu sein, - dabei denke ich weniger an mich, als an diejenigen, welche auf uns mit ihrem letzten Vertrauen blicken, und an Euch …
Der Feind macht uns ja nur nach, was wir ihm 1941/42 auf die nachdrücklichste Weise vorexerziert haben. Was wir offenbar nicht geschafft haben: gegen diese anerkannte Strategie die notwendigen Defensivpläne erdacht und durchdacht zu haben. Sollte man in dem langen halben Jahr der Ruhe sogar faul gewesen sein, dann wäre das allerdings ein todeswürdiges Verbrechen. Seine Folgen lassen sich noch gar nicht übersehen, sie sind tatsächlich unabsehbar.
Hier steht alles noch recht ordentlich. Alle Versuche der Russen - wohl von der Vermutung getragen, wir seien moralisch knock out - scheiterten! Möge es so bleiben. Ich bewundere die Haltung der Männer, die ihre Heimat, möglicherweise auch ihre Familien in der Hand des Feindes wissen, auch die Familie unseres Div. Kommandeurs wohnt in Posen. Von ernsthaftem Widerstand dort ist sehr wenig die Rede. Dabei könnten doch in mancher Stadt Tausende von Uniformierten aller Art wenigstens einen ersten Brückenpfeiler gegen die Flut bilden.
Post ist wieder keine gekommen, der letzte Gruß aus der Heimat war ein reizender Brief von der Laubscherin*), den sie im Luftschutzkeller während eines Angriffes auf Pforzheim schrieb. Frau Wachs fragte, ob ich, bevor sie sie zum Volksopfer gäbe, die Uniformen ihres gefallenen Mannes haben wolle. Ich komme aber, mit dem, was ich hier habe, noch lange aus.
Für morgen, Sonntag, ist mir ein deutscher Baedecker über Rußland von 1905 versprochen worden, - das ist etwas für mich. Auch soll ich morgen Schlagsahne zu essen bekommen, - ich fahre nämlich in ein Divisionserholungsheim …

*) Elisabeth Laubscher, befreundete Physiotherapeutin aus dem Lazarett in Pforzheim 1942


31. 1. 45

      Wir hoffen nur, dass die Führung einen Plan hat. Selbst wenn er vielleicht nicht ganz glückt, wäre es besser, als wenn sie gar keinen hätte. Alle unsere Gedanken sind bei den teuren Menschen in der Heimat und auch die Furcht, die in dunklen Stunden uns anschleicht, meint nicht uns, sondern Frau und Kinder zu Hause. Das bleibt natürlich auf die Gemütsverfassung nicht ohne Einfluss. Musik mag ich gar nicht mehr hören, am wohlsten tut mir vollkommene Stille. Die Nahrungsaufnahme ist denkbar gering, - so wenig habe ich noch nie gegessen. Der heutige Wehrmachtsbericht war wieder schauerlich. Auch die Führerrede bot keinen Anhaltspunkt - man kennt diesen Text bald auswendig. Kein Mensch hier denkt an Kapitulation, aber man kann schließlich nicht mit dem Flitzebogen schießen.


1. / 2. 2. 45

      Heute ist uns gesagt worden, dass im Postverkehr in beiden Richtungen mit großen Unregelmäßigkeiten zu rechnen ist, aber Cramer bekam eben einen Brief vom 17. 1. aus dem Rheinland, - wunderlich, nicht wahr?
Nachher soll ich zu unseren Meldern, Funkern, Fernsprechern etwas Aufmunterndes sagen, - ich weiß aber nicht was. Ich habe sie in unseren Offiziersspeiseraum befohlen und werde eine Flasche Schnaps spendieren und versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Gott sei Dank las ich ein herrliches Buch "Avantgarde", die Lebensbeschreibung des preußischen Kavalleriegenerals Carl v. Schmidt (1817 - 1875)*), - überwältigend in seinem männlichen Ethos. Dagegen verblasst der Flieger Saint Exupery doch sehr. Eigentlich ist es sinnlos, mit der Geliebten jetzt über Bücher zu sprechen - Worte sind nicht mehr (alles), Handeln und (zu) jedem Entschluss bereit sein (ist) alles.

*) von dessen Enkel Franz v. Schmidt - Propyläen / Berlin 1941 - wirklich ganz gut zu lesen -W.N.


5. 2. 45

     Ich muss gestehen, mich packt auch so etwas wie Neugier, wie dieser Kampf eines kleinen Landes gegen die ganze Welt ausgeht. Vielleicht nimmt die so oft beschworene Vorsehung die Opfer an und wendet das Schicksal der Nation. Vielleicht tritt auch jetzt endlich die Fanatisierung der Deutschen ein, jener wilde Patriotismus gesunder Völker der nicht selten in der Geschichte die Masse besiegt hat. Glücklich, wer sich nie über die Vorgeschichte dieser Weltkatastrophe Gedanken gemacht hat, an der niemand schuld sein will, und bei der wir, wie im 1. Weltkrieg, die formale Schuld ‚angefangen zu haben' wieder treu und brav auf uns laden. Auch wenn die Engländer und Juden offenherzig genug sind, an versteckten Stellen zu melden, dass sie den Krieg gewollt haben.
Mein Buch "Avantgarde" habe ich gleich ein zweites Mal gelesen, mit dem Bleistift in der Hand - es ist herrlich aufrichtend …


9. 2. 45

      Meinen Bunker habe ich "Schloß Chillon" getauft, weil dort wie hier ein "edler Gefangener"*) sitzt. So komme ich mir jedenfalls vor. Während der gute Cramer trotz der enormen Spritknappheit den ganzen Tag bei den Einheiten herumfährt und sich nach deren Nöten erkundigt, muss ich das Telefon bewachen. Am 22. Januar erhielt ich den letzten Brief von Dir. Wir wundern uns über jeden Tag, der ohne Sturmgewitter abläuft und wollen hier oben gerne ausharren, wenn dadurch eine großzügige operative Maßnahme an der Oderfront ermöglicht wird. Sie erfordert freilich so rasch wie möglich den rücksichtslosen Einsatz aller bisher noch geschonten Kräfte, sonst wird der Russe einen Stoßkeil schmieden, mit dem er dann durchstößt …
An Dich habe ich alle Deine Briefe zurückgeschickt. Vorhin kamen die Meldungen von "Bomberströmen" über Deutschland, - Du kannst Dir denken, wie mir zu Mute ist.
Gestern las ich in Bismarcks Erinnerungen: "Frühere Herrscher sahen mehr auf Befähigung als auf Gehorsam ihrer Ratgeber. Wenn der Gehorsam allein das Kriterium ist, so wird an die universelle Begabung des Monarchen ein Anspruch gestellt, dem selbst Friedrich der Große nicht genügt hätte."

*) A. Dumas "Der Graf von Monte Christo"


13. 2. 45

      Man kommt sich vor wie auf einem steuerlosen Schiff, das nach Gott weiß welchen Gesetzen sich bewegt und nach unbekannten Zielen fährt. Die Insassen bewahren fast alle Haltung, aber wie mögen eines jeden Gedanken arbeiten. Aber es ist ja doch zu spät und nur eine bittere Genugtuung, manche Dinge richtig gesehen und manche Warnung im Busen gefühlt zu haben: der verbrecherische Leichtsinn, die völlige Dilettants unserer Außenpolitik, die heute den Sieg einer großen Sache aufs Schwerste bedroht.
Ich will lieber von den letzten Tagen erzählen. Mein Geburtstag war ein gewisser Höhepunkt. Abends fand eine kleine Festlichkeit statt, bei der ich mich mit meinem O I - Kollegen, der aus Brehna*) stammt, ganz gut unterhielt und Aufschlüsse über die Tragödie Wentzel erhielt, die meine Vermutungen bestätigten: er ist das Opfer eines Mannes**) geworden, der ihm seine Überlegenheit als Mensch und Standesgenosse nie verzeihen konnte. Jener hat übrigens auch einige Monate auf der Krim gewirkt, wie ich mich nun erinnere. Schon gegen 22 Uhr wurde die Stimmung einiger Herren mehr als lebhaft, um gegen Mitternacht beschämende und unwürdige Formen anzunehmen, - Formen, bei denen ich, obwohl ich auch einige Gläser Punsch genossen hatte, zu Eis werde und bereit bin, jede plumpe Vertraulichkeit auf der Stelle mit einer Ohrfeige zu beantworten.

*) Brehna = kleiner Ort, östlich von Halle gelegen
**) Ludolf v. Alvensleben , s. Anm. zum Brief v. 23. 8. 44



20. 2. 45

      Heute habe ich meine schon seit November vorigen Jahres wirksame Beförderung zum Hauptmann erfahren. Nun bist Du also Frau Hauptmann und wenn der Krieg noch lange dauert, dann wird unser Scherz "Älterer Oberst mit noch jugendlicher Tochter geht durch die Stadt" doch noch Wahrheit, - immerhin 1 Jahr vor der üblichen Zeit von 3 Jahren und 3 Monaten als Oberleutnant.
Die Angriffe der Russen, die ich in meinem letzten Brief als bevorstehend bezeichnete, sind nach zwei Tagen mit dem Abschuss von 11 Panzern zusammengebrochen. Vor dem Abschnitt eines unserer Bataillone wurden über 600 Tote gezählt. Erfreulicherweise war beim Beginn des Angriffs alles da, was wir brauchten …


21. 2. 45 abends

      Der Bunker schaukelt auch an diesem Abend von Bombeneinschlägen. Im Übrigen geht es wie mit dem Teufel zu: wochenlang bedeckter Himmel - kein Flieger lässt sich sehen; aber kommt mal eine Nacht, wo Verschiebungen vorgenommen werden, reißt die Wolkendecke auf und die "Rollbahn-Huren", wie sie von den Soldaten genannt werden, werfen ihre Last ab. Seit zwei Stunden etwa 200 Bomben. Gegenwehr unsrerseits: wir schießen mit dem Gewehr drauf, wenn sie nicht all zu hoch fliegen.


25. 2. 45

      Es ist in meinem Herzen ein so unerschütterliches und von allem momentanen Aufschwung so unabhängiges Bewusstsein, dass ein Volk wie das unsrige nicht ausgelöscht werden kann. Es ist über uns ein furchtbares Strafgericht gekommen, da allzu viele geglaubt haben, unter der neuen Fahne ihre bürgerpöbelhafte Selbstsucht, ihre kleinliche Macht - und Ruhmbegierde befriedigen zu können. Wenn sich jetzt erweist, dass mehr Echtes als Unechtes im Gesamtvolk gewachsen ist, dann gebe ich der Hoffnung auf ein Überleben der Nation gerne mehr Raum in meiner Brust.
Als angenehme Folge der Beförderung erhielt ich eine einmalige Zulage: 5 Flaschen Alkoholika, die mich weniger interessierten, aber 20 sehr gute Zigarren und 4 Pakete anständigen Tabak.


28. 2. 45

      Unter den 100 Briefen, die der Melder gestern brachte, waren mindestens sechs für mich.
Bei uns hat das Schicksal eingegriffen: Cramer geht in wenigen Tagen fort, da die 1 b Stellen nicht mehr mit Generalstabsoffizieren besetzt werden sollen. Was mit mir wird, weiß ich im Moment noch nicht. Vorerst habe ich um 14 Tage Urlaub gebeten, da ich unter den älteren die längste Zeit nicht auf Urlaub war. Ich betrachte dies mehr als Versuchsballon. Es ist mir auch gar nicht vorstellbar, dass wir uns noch einmal wiedersehen sollten. Aber es kommt ja auch nicht auf mich an, sondern dass ihr lebt und frei seid.
Wie Du das Volksopfer bedacht hat, ist so recht; besonders, dass dabei der komische (SA-) Dolch mit seinen bronzezeitlichen Formen mit verschwand. Mir ist dieser Teil der Ausrüstung im 20. Jahrhundert immer etwas läppisch erschienen.
Eben höre ich im Wehrmachtsbericht, dass Halle angegriffen wurde. Unsere liebe Heimatstadt, - ich glaubte und hoffte tatsächlich noch, dass man sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund verschonen würde, oder vergessen. Ich bitte zu Gott, dass Ihr verschont geblieben seid! Mir war es, als griffen mir Krallen ins Herz. Es ist ja die Stadt, wo wir jung und glücklich waren.
Es wird erwogen, dass ich in den Stab des Korps von General Versock komme. Meine Bitte um Urlaub ist nicht schlechthin auf Widerstand gestoßen, doch z. Zt. gibt es nur "Tapferkeitsurlaub", also bitte keine Hoffnungen hegen. Wir hörten die Rede von Goebbels: Sie entspringt einer Denkkategorie, die in sich geschlossen ist, aber ob ihre Prämissen noch oder überhaupt jemals gültig gewesen sind, das ist die große Frage.
Gott sei Dank, dass man noch Briefe schreiben kann. Hauptmann Zapff, mein Plauener Freund, schreibt mir auf einen meiner Briefe, der ebenfalls geöffnet worden war: "an solchen Briefen kann auch die Zensur lernen. Man kann Ihnen ruhig mal ein paar Elogen machen. Ihre Briefe sind stilistisch einwandfrei und inhaltlich reich und gut geordnet. Verzeihen Sie, aber es ist wirklich nicht der Schulmeister, der da spricht."


3. 3. 45

      Heute früh haben auf dem rechten Flügel unserer Division wieder schwerste Kämpfe begonnen, - ich stehe als guter Geist und Helfer dem neuen I b und seinem O 2, die ich seit langem kenne, mit meiner halbjährigen Erfahrung zur Seite. Drei Tage bleibe ich noch hier.
Vorgestern fand die Abschiedsfeier für Cramer und mich statt; der Dienstälteste, ein Oberstabsveterinär redete, Cramer erwiderte und ich sprach auf den bisherigen I b, schilderte unsere Zusammenarbeit und erntete nachher vom Oberstabsintendanten die Bemerkung, dass sei die beste Rede gewesen, die er je im militärischen Kameradenkreise gehört habe. Das mochte sein, denn man wird in diesen Zeiten, wie die Laubscherin neulich schrieb, entweder ganz Herz oder ganz Stein, - ich habe mich für das erstere entschieden.


5. 3. 45

      Der Kampf tobt an unserem Abschnitt mit großer Heftigkeit, beim rechten Nachbar ist dem Feind ein Einbruch gelungen, der bisher abgeriegelt wurde. Die Panzerfäuste haben wir aber scharf gemacht. Über das Missverhältnis des eingesetzten Materials auf beiden Seiten macht man sich keine Vorstellungen. Heute früh hagelte es Bomben auf unseren Gefechtsstand - richteten aber bis auf ein Loch in einer Fensterscheibe keinen Schaden an.


18. 3. 45

      Es ist wohl noch nie vorgekommen, dass mehr als eine Woche verging, ohne dass ich Dir schrieb … Deine letzte Nachricht war vom 8. 2.
Heute war der erste Tag meiner Eigenschaft als Führer eine Bataillons von vier Kompanien, ein nach furchtbarer Zerdreschung durch den Gegner uns unterstelltes Sicherungsbataillon, aus dem ich nach Liquidierung des alten Haufens 1. eine Einsatzkompanie für Kampf und Stellungsbau, 2. eine Baukompanie aus Kriegsgefangenen, 3. eine Fahrschwadron (als 3. in der Division, wegen der Spritlage, die nur noch den Panzern zu fahren erlaubt) und 4. einen Stab mit Versorgungsstaffel bilden soll, d. h. Arbeit über Arbeit, - aber auch ein prächtiges Pferd namens Zella zwischen den Schenkeln.
Die vergangene Woche beim Versorgungsregiment bin ich nur im Sattel gewesen, täglich meist 40 km, - eine Übergangszeit, bis sich etwas Passendes für mich gefunden hatte. Solche Zeiten lasse ich mit einer herrlichen Indifferenz über mich ergehen; fasse Typen, wie Hauptmann G. aus Halle, scharf ins Auge, die alle 10 Tage 10 Bleistiftzeilen an ihre Gattinnen schreiben, die sie, wie Kleinkinder, "Mutti" nennen, jeden ihrer Untergebenen duzen und bei Tag und Nacht Zigaretten fressen. Ich sitze ziemlich weit hinter der Front, bis auf die eine Kompanie, die eingesetzt ist und gestern 8 Verwundete hatte. Vom großen Welt-Kriegs- und Mordtheater habe ich seit Tagen nichts erfahren - was hülfe es auch. Der Gedanke an Dich und die Kinder erfüllt stündlich mein ganzes Herz, so dass ich manchmal meine, schon um unseretwegen - dass wir wieder zusammenkommen - müsste die ganze Sache gut ausgehen. Ich für meinen Teil will alles tun, dass dies Ziel erreicht wird, und ich kann dies nirgends besser, als dass ich meinen Männern befehlen und für sie sorgen darf …
Hat die Gartenarbeit begonnen? Klammere Dich an dieses Stück Boden fest, - warum ich es nicht schon längst auf deinen Namen überschreiben ließ, weiß ich nicht. Du gabst mir Kinder - ich müsste Dir dafür Land geben.


23. 3. 45

      Meine Aufgabe, kaum befohlen und begonnen, hat schon wieder eine andere Wendung genommen - die Armee hat die Auflösung meines Bataillons befohlen. Nervosität, Hast, mangelnde Übersicht und ein Quäntchen Duckmäuserei kennzeichnen die sich überstürzenden Befehle und Entschlüsse. Morgen kommt schon der Armeeveterinär, natürlich, um sich die besten Pferde auszusuchen, - ich bin nur noch Liquidator. Die Division bedauert diese Entwicklung der Dinge.
Körperlich geht es mir gut. Ich nähre mich, außer der Mittagssuppe der Feldküche, von Milch Brot und Butter, - die fragwürdige Wurst und den langweiligen Schmelzkäse verschenke ich meist. Nicht so gut ist mein Gemüt beschaffen. Der Ansturm an allen Fronten ist gewaltig. Immerhin ist es besser, ein ganzes großes Volk geht kämpfend unter, als dass es in die Hölle stürzt, die seine Feinde ihm bereiten. Was davon eine Niederlage überleben würde, möchte ohnehin nicht viel taugen.
Ach, Herz, unsere schlechte, grundschlechte, überhastete, vorurteilsvolle, überhebliche Politik! Du wirst mir am wenigsten ein für mein Vaterland leidenschaftlich schlagendes Herz absprechen, und dass Deutschland seit Jahrzehnten um sein Dasein ringen musste. Aber wo sah man die Forderung Treitschkes verwirklicht‚ dass zu solcher patriotischen Stimmung Hirne gehören, die kalt, klar und besonnen die Machtverhältnisse abwägen. Dass unsere eigenen Ackerflächen bei dem heutigen Stande der Wissenschaft bis zu 30 % höhere Erträge bringen konnten, war natürlich auch unserer Führung bekannt! Dies zu bewirken, wäre ihre vordringlichste Aufgabe gewesen, die sie nicht wahrgenommen hat.
Verzeih mir diese Episteln, - ich schreibe sie weder als Besser- oder Alleswisser. Aber wenn man uns jahrelang gepredigt hat, Gefühl und Glauben sei alles, Verstand und Liebe dagegen nichts …
Eine Politik, die jede Tradition als verstaubt verwarf, jede Lehre und Erfahrung, außer aus sich selbst, ablehnte; die in wahnsinniger Übereilung Früchte pflücken wollte, ehe der wurzelkranke Baum sich wieder erholt hatte … Heute Nacht träumte mir, ich sei durch Schüsse in den linken Oberarm verwundet, - ich genoss eine ausgesprochen wohlige "Heimatschuss" - Stimmung und deutliche Wiedersehens-Vorfreude. Umso grausamer war die Ernüchterung beim Aufwachen, als ich statt eines sauberen Lazarettzimmers die schmutzigen Wände meiner Behausung erblickte, auf denen ständig eine hässliche Sorte von Kakerlaken in wahnsinniger Hast planlos herumsaust …
Lebe wohl, liebes, unsäglich liebes Herz …, liebste E. B., liebste … - Du wirst sagen "dicker konnte er wohl nicht auftragen" - aber er meint es aufrichtig,
Dein Mann


Dies war der letzte Brief, der die Adressatin erst Mitte Mai 45 erreichte. Am 12. 8. 45 erfuhr Ella, dass Erich dem Kurland-Kessel entkommen war. In der alten Narbe hatte sich ein Abszess entwickelt, der ihm zu einem Platz auf dem letzten Lazarettschiff verhalf, das am 8. 5. 45 den Hafen Windau verließ und drei Tage später Kiel erreichte. Am 24. 8. 45 kehrte Erich zurück.





Verantwortlich für Auswahl und Darstellung der Briefe, sowie alle Rechte bei Herrn Dr. Werner Neuß ©





Hauptmann Erich Neuß (24. Inf.-Div.): Feldpostbriefesammlung
06.07.1944 - 23.03.1945



Unteroffizier Hans Hamelberg:
Letzter Brief an die Mutter

24.11.1944
Major Heinrich Ochssner:
Letzter Brief an die Ehefrau

16.09.1944
Obergefreiter Karl Meyer:
Brief an die Familie

15.12.1944
Brief über die
Suche nach einem Grab

11.01.1945
Obergefreiter Wilhelm Schierholz:
Letzter Brief an die Eltern

22.10.1944
Leutnant Helmut Christophe:
Brief an die Tante
sowie die Todesmeldung, übermittelt vom Btl.-Komm.

15.01./5.2.1945
Gefreiter Ewald Fiedler:
2 Briefe an die Schwester

12.9./14.12.1944
Obergefreiter Günther Klinge:
Brief an die Eltern

16.08.1944-13.01.1945
Obergefreiter Eugen Lamprecht:
Gedicht zum Abschied

Herbst 1944
Obergefreiter Paul Pyschik:
Der letzte Brief vor der Gefangenschaft

6. August 1944
Obergefreiter Werner Richey:
Der letzte Brief aus Kurland

14.12.1944
Oberfeldwebel Jakob Trimborn:
Letzter Brief an die Schwester

20.01.1945
Hauptmann Edgar Bothe:
2 Briefe an die Familie

28.10.1944/22.3.1945
Soldat Ernst Andresen:
Genesungswünsche der Kameraden

26.12.1944
Soldat Erich Baars:
Letzter Brief an die Schwiegereltern

28.10.1944/22.3.1945
Soldat Alfred Pawelzick:
Brief an die Mutter

02.11.1944
Oberleutnant Friedrich Willbrand:
Briefe an die Familie

14.11.1944 - 08.07.1946
Unteroffizier Josef Meyer:
Briefe an die Schwiegermutter

14.2.1945
Unteroffizier Oswald Pelzer:
Letzter Brief aus dem Lazarett

01.01.1945
Obergefreiter Wilhelm Haller:
Letzter Brief an Frau und Sohn

Anfang 1945
Hauptfeldwebel Walter Kaese:
Brief an die Ehefrau

08.04.1945
Walter Nagel:
Brief an die Schwester

18.07.1944


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