Geschichte einer Kriegswitwe


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Dies ist die Geschichte einer Kriegerwitwe - stellvertretend für viele Millionen deutscher Frauen - denen es leider ähnlich ergangen ist. Sie alle haben Ehemänner, Brüder, Söhne und Väter verloren, ohne die Hoffnung, das Grab Ihres Angehörigen je finden zu können.
Sie gab sich aber selbst das Versprechen, das Grab ihres gefallenen Mannes zu suchen und es auch nach Möglichkeit zu finden. Sie wurde oft deswegen belächelt - aber sie hat es allen Kritikern gezeigt - was man erreichen kann, wenn man sich von seinem eingeschlagenen Weg nicht abbringen lässt und beharrlich sein Ziel verfolgt. Sie hat ihr Versprechen gehalten.... und das Grab ihres Mannes gefunden...!!!

Hier nun ihre Geschichte:




Schutzengel, a. D.


Schutzengel, a. D.


GESTERN....das ist schon so lange her....16.September 1944.
Aber für mich bleibt es GESTERN....als 2 Offiziere vom Wehrkreiskommando kamen, und mir sagten, dass mein Mann gefallen sei. Meine Welt brach zusammen. Ich konnte es nicht begreifen, dass nun unser kleiner Sohn und mein Mann nicht mehr lebten. Nur ich allein wusste, was ich verloren hatte. Einige Tage später erhielt ich den letzten Feldpostbrief, 2 Stunden vor seinem Tod geschrieben: "...sorg` Dich nicht um mich, ich habe ja meinen guten Schutzengel, wie immer, - der mich heil zu Dir zurück führen wird."
Aber am 16. September war der sonst so zuverlässige Schutzengel außer Dienst ... Ich machte das Versprechen, dass ich meinen Mann eines Tages suchen würde. Wie, wo, wann, das stand in den Sternen. Der Krieg ging weiter und zu Ende. Es kam der Dienst beim Roten Kreuz, - Flucht - Bombenangriff auf Dresden - die unrühmliche Geschichte amerikanischer Gefangenschaft und alles war vorbei. Ebenso unser beider Leben und Glück, - Hoffnungen und Pläne, Heimat und gemeinsame Zukunft.

Schutzengel, a. D.


Es verging kein Tag, an dem ich nicht an meinen Mann dachte. Was ging mir alles immer und immer wieder durch den Kopf? Wie waren seine letzten Minuten? War er gleich tot? Wo haben sie ihn eingescharrt? Er fiel bei Ergli, wurde aber in Indrikeni begraben? Wer hat ihn noch bis dahin gebracht? Wer lebt noch von damals? Hptm. von Daimling? Oblt. Hagerli? Ltnt. Weber? Hptm. Jochen? Oblt. Karn? Obergefr. Minth? Dr. Schultz? Gen.-Lt. Wagener? Oblt. Bidermann? Oblt. Volle? Wen gibt es noch von der 132. I.D. - I.R. 436/437 - Füs.-Btl. 132?
Es ist unglaublich, was man für Gedanken und Gefühle entwickelt. Und unglaublich, was ein Mensch weinen kann. All die Mütter und Frauen haben unsägliches gelitten. Das Leben ging weiter mit all seinen Anforderungen, Freud und Leid in Canada. Leider verlor ich alle Verbindungen zur Familie meines Mannes. Im Jahre 1970 erhielt ich von der Dienststelle WASt nähere Angaben. Mein Mann wäre in einem Reihengrab in Indrikeni, 1,5 km SO Bahnhof Licupe, beerdigt… Nr. 30. Meine Vergangenheit ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

In 1999 - 55 Jahre später - begann ich neue Nachforschungen. Sehr erleichtert durch die neue politische Beziehung zwischen Lettland und Deutschland. Wobei der Computer und das Internet die größte Rolle spielte. Ich fand Menschen, die heute meine Freunde sind. Der VDK war überall am Umbetten der Kriegsgefallenen. Da sah ich meine Chance, mehr zu erfahren. Das Erste war, dass ich nach Lettland wollte und den Platz finden, wo mein Mann, zusammen mit anderen Kameraden, in Reihengräbern beerdigt war. Irgendwo, nicht mehr erkennbar... Im September 2001 begann meine Reise in die Vergangenheit...

Es wurde zu einem eingreifenden Erlebnis, welches mein Leben vollkommen verwandelt hat. Niemals vergesse ich den Tag in Indrikeni. Es war der 12. September 2001. Es regnete, schwarze Wolken ließen nur einmal einen Sonnenstrahl auf Indrikeni, es blitzte, es donnerte, es war eine geisterhafte Atmosphäre. Nur wer so etwas erlebt hat, kann es verstehen, da es sich nicht beschreiben lässt. Und da war nun das Feld, kein Grab zu sehen. Aber ich wusste, hier ist es. Wo genau? Ist das nun alles, woran ich mich klammern kann? Nur ein kleiner schwarzer Hund begrüßte mich, was mich ganz seltsam berührte.

Schutzengel, a. D.


Bevor ich Indrikeni fand, mit Hilfe lettischer Freunde, - zeigte man mir andere Stellen, wo Soldaten liegen, in zugewachsenen Feldern, rund um eine Kirchenruine in Kesterats, in hohen Farnkräutern und so viele, viele Schicksale. Zu viele, - wie heißen sie alle? Haben sie noch Menschen, die nach ihnen suchen? Oder sind sie für immer vergessen von der Welt? Mit meinen Eindrücken beladen, ging ich nun ans Werk.

So stand ich erneut in Verbindung mit dem VDK. Man sagte, es ist eine große Möglichkeit, dass im Frühjahr 2002 in der Ergli-Gegend umgebettet wird. Die Umbettung würde nach Riga oder Saldus auf den Soldatenfriedhof stattfinden. Und das ist ein beruhigender Gedanke, einmal ein gebührendes Grab für meinen Mann zu haben.

Wieder hieß es warten und was ausschlaggebend wird, - eine Identifizierung. Aber nun stellte sich erst einmal heraus, dass trotz der Angaben von der Wehrmacht, es nicht einfach war, die Gräber zu finden. Es waren keine oberirdischen Anhaltspunkte mehr vorhanden. So hieß es wieder warten und fragen, - Menschen, die in der Gegend wohnen. Aber es gibt kaum noch Zeitzeugen. Und einige Male bekam ich die Nachricht: "leider konnten wir wieder nichts finden." Ich wollte nicht daran glauben, dass man den Platz nicht finden kann. Soviel Unterlagen und nicht eine Spur, die der Umbettungsdienst finden konnte.

Inzwischen ist es Sommer 2002 geworden und die Nachforschungen in Lettland gehen weiter. An so vielen Stellen wurde sondiert und immer ohne Erfolg. Die Angaben verschiedener Menschen zur evtl. Grablage waren derart unterschiedlich, dass man schon gar nicht mehr wusste, was nun eigentlich richtig ist. Jedes Mal steigt die Hoffnung, um dann wieder in Mutlosigkeit zu fallen. Es ist, als ob mein Mann ein zweites Mal gestorben ist und es gibt keinen Menschen, der an dem Gefühl was ändern könnte. Immer neue Angaben tauchen auf. Der VDK ist aufs Äußerste bemüht. Und wer hätte gedacht, dass trotz all der Angaben, das Auffinden derart schwierig sein würde.

September 2002:
So packte ich abermals meine Koffer. Und es war wieder September - diesmal 2002. Zuerst fand ich in Deutschland 2 Kameraden meines Mannes wieder, von denen ich bisher nichts wusste. Ich besaß das Buch: "...und litt an meiner Seite", welches Oblt. Bidermann geschrieben hatte. Die Divisionsgeschichte der 132 I.D. Und nun konnte ich ihn und Oblt. Volle kennen lernen. Das waren wunderbare Stunden, all die Geschichten zu hören, die damals die Männer zusammen gehalten hat. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erst erfahren, auf welche Art mein Mann gefallen ist.

Ein Auszug aus dem Buch lautet:
"Wir sind wieder nach langer Zeit bewegter Rückzugskämpfe dem eigenen Regiment 437 unterstellt, das jetzt Major Ochßner, ein alter Haudegen von 436, führt. Er hatte vom tapferen Ausharren des letzten Bataillons von 437 bei ERGLI und auf der Ei-Höhe gehört. Als er den Langen (Oblt. Volle) und mich nach der Ablösung, abgerissen und verdreckt, wie die übrigen 12o Männer des Bataillons, zum Umfallen müde, bei der Kirche in Ergli, in Empfang nahm, da streichelte er uns mit beiden Händen wie kleine Jungen über die unrasierten Wangen und seine Augen sind feucht…."

Und noch ein Auszug:
"Westlich Modohn und bei Ergli stehen Bataillone und Regimenter der 132. I.D. in den letzten Augusttagen im Kampf gegen den zahlen- und materialmäßig weit überlegenen Gegner. Nach diesen Kämpfen muss in Folge der hohen Verluste das Grenadier Regiment 437 aufgelöst werden. Bei ERGLI findet der letzte Kommandeur des Regiments 437, Ritterkreuzträger Major Ochßner am 16. September den Soldatentod. Im Verlauf des Russlandfeldzuges war er achtmal verwundet worden. Kaum von der letzten Verwundung genesen, ereilte auch diesen tapferen und unvergesslichen Offizier das Soldatenschicksal."

Schutzengel, a. D.


So ging ich auf den Spuren der 132. I.D., überall, wo die letzten Schlachten stattfanden. In alten Schützengräben, quer durch den Wald, - besuchte jedes Eckchen. Angefangen von der Ei-Höhe, wo eine unglaublich verlustreiche Schlacht damals stattfand.

Den Friedhof in Ergli, wo noch an den Grabmälern die Granateinschläge zu sehen sind. Besuchte Soldatenfriedhöfe - russisch, lettisch, deutsch. Und was für eine unheimliche Anzahl von Toten überall.. Ich besuchte täglich das Feld, wo mein Mann und die 35 Soldaten begraben sind. Aber bisher war eine Sondierung wieder erfolglos. Der VDK verfolgt jede Spur, jede nur mögliche Aufzeichnung, sämtliche Berichte die vorliegen, - alles wird erforscht und meistens mit Erfolg - dann auch sondiert und umgebettet.

Ich war in der Lage, bei einer Exhumierung dabei sein zu können. Es waren Soldatengräber neben einem ehemaligen Lazarett. Dies sollte wohl das tiefgreifendste Erlebnis meiner Reise werden.
Der Bagger hatte angefangen die ersten 50 cm abzuheben. Dann ging es mit Spaten weiter. Als an einer Stelle die Erde nachgab, fing die Handarbeit an. Ein Mitarbeiter vom VDK-Team begann mit Gummihandschuhen und einer kleinen Harke, die Erde von Hand freizumachen. Als er auf Knochen stieß, fing er an den Füssen an alles freizulegen, bis das ganze Skelett friedlich da lag und das 20. Jahrhundert es in Empfang nahm. Er hatte keine Erkennungsmarke, alles war gut erhalten, bis auf eine schwere Kopfverletzung durch eine Granate. Das Gehirn war noch da. Und das ist, was mich so fasziniert hat und verwundert, - dass nach 58 Jahren dieses Organ erhalten war, wenn auch zu Faustgröße verschrumpft. Ein kleiner grauer Plastiksarg nahm jeden einzelnen Knochen auf. Dann wurde noch mit einem Metallsuchgerät das Grab abgesucht. Es fanden sich Uniformknöpfe, Metall-Ösen einer Zeltplane und ein 5 Pfennig Stück... Dabei gingen meine Gedanken in 1000 Richtungen und ich bin nicht in der Lage meine Gefühle zu beschreiben. Das ist einfach ein Erlebnis, wo Worte zu wenig sind,….. ich glaube, ich war in diesen Augenblicken in einer andern Welt….. Alles, was gefunden wurde, wurde registriert. Als Nächster kam ein sehr großer Mensch zum Vorschein. Er hatte einen Lederbrustbeutel, der die Erkennungsmarke enthielt. Seine Zähne hatten Goldplomben und 2 Brücken waren mit Metall verarbeitet. Auch er hatte eine starke Kopfverletzung -aber das Gehirn war wieder da. Der Nächste war nur ein Teil seiner Person. Ihm fehlte ein Bein, das andere hatte noch einen Stiefel an. Eine große Gummibinde zeigte an, dass man ihm die Arterie in der Hüfte abgebunden hatte, der halbe Arm fehlte, sein Kopf war stark verletzt…aber das Gehirn war wieder da. Schulterstücke eines Unteroffiziers der Artillerie - in rot, - Ringe der Zeltplane und eine Erkennungsmarke... Ich dachte an seine Familie, - was werden sie sagen, wenn sie Bescheid bekommen? Ist noch einer da, der an ihn denkt? Was für Leid brachte sein Tod? Und für was?

Und so ging es weiter. Eins nach dem andern. Und da sind noch viele viele mehr, die zurückkommen werden, in ein würdiges Grab, auf einem Soldatenfriedhof, wo manch einer dann noch hoffentlich von seinen Lieben besucht wird. Wie behutsam wurden sie der Welt wieder gegeben und wie friedlich lagen sie in ihren Gräbern.

Jetzt ist es Oktober 2002 und Lettland verfällt langsam in den Winterschlaf. Am Feld, wo mein Mann beerdigt liegt, trafen wir mit Nachbarn und einer Zeitzeugin zusammen, die sich ganz sicher ist, wo die Gräber liegen. Aber selbst für den VDK ist es eine Nadel im Heuhaufen, wenn keine Markierungen oder Anhaltspunkte mehr da sind. Und die Zeit läuft aus, Leute von damals leben kaum noch. Und oft sind die Angaben sehr widersprüchlich. Aber was vom VDK geleistet wird, verdient die höchste Anerkennung. Alles was mir für diesmal übrig blieb, war die Möglichkeit einen Rosenbusch im Topf in die Mitte des Feldes zu stellen. Es war der Todestag, der 16.September…

Schutzengel, a. D.


Und so sagte ich wieder einmal AUF WIEDERSEHEN. Die Kraniche waren abgeflogen, - die Störche werden im Frühling wieder da sein und die Blumen blühen noch in Indrikeni und es gibt kein besseres Plätzchen um seine letzte Ruhe zu finden. Eine Lettin sagte zu mir, als sie mir eine Rose gab: "Ihr Mann ruht gut in Lettlands Erde".

Ich versuche immer - meist erfolglos - nach so vielen Jahren eine innere Ruhe zu finden. Langsam bezweifele ich, dass dies jemals möglich sein wird. Die Schatten der Vergangenheit sind ständige Begleiter und der Schmerz bleibt. Nun heist es wieder warten. Im Stillen bereite ich mich darauf vor, dass nichts gefunden wird. Aber die Hoffnung ist doch da… Die kann ich einfach nicht aufgeben…. Und die Zufälle spielen weiter eine Rolle. Und hoffentlich zu meinen Gunsten.
Von einer Nachbarin vom Indrikenihof kam die Nachricht, dass ihre Mutter sich an den Namen des Sohnes vom früheren Besitzer aus der Kriegszeit des Hofes Indrikeni erinnert hat. Sie war diejenige, die mir die trostreichen Worte sagte: "Ihr Mann ruht gut in Lettlands Erde". Was hab` ich der Mutter zu danken. Es war wie ein Rettungsring in letzter Minute. Er ist nun ein neuer Zeitzeuge und erklärte und zeigte, wo die Gräber wirklich liegen. Und die größte Ironie des Schicksals ist, dass ich vor einem Jahr einen Traum hatte, in dem ich mich mit meinem Mann an dem gleichen Platz traf. Es war der einzige und ein glücklicher Traum nach 58 Jahren - aber das wäre ja nie ein Grund gewesen, an dieser Stelle zu sondieren.

Haben wir berechtigte Hoffnungen, nach all den Jahren und negativen Forschungen? Beruhigende Gedanken für die Weihnachtszeit. Winter überall und Zeit neue Pläne zu schmieden. Ich habe alles vorbereitet für einen Flug nach Riga im April 2003. Langsam wird Lettland mit seinen, mir vertrauten Freunden, zur zweiten Heimat. Ich versuche nun dem Monat April Optimismus entgegen zu bringen. Dies Mal müssen die 35 Männer doch gefunden werden. Und wenn - dann ist wohl eine Reise in 2004 wieder am Plan, denn dann habe ich ein Grab, welches ich besuchen kann, mit einem Stein, auf dem der Name meines Mannes stehen wird. Inzwischen also - Zeit zum Träumen und Hoffen bis zum April 2003.

2003:
Das neue Jahr 2003 hat begonnen und gleich mit umwälzenden Plänen, nämlich mein Umzug vom Osten, in den Westen Canadas, 4700 km und somit noch weiter entfernt von Europa, von Lettland. Aber was sind schon paar Kilometer. Wieder stand ich mit dem VDK Umbettungsdienst in Lettland in Verbindung und mir wurde versichert, dass im April nochmals in Indrikeni sondiert werden wird.

23.April 2003:
So packte ich wieder meine Koffer und war am 23. April 2003 in Riga. Inzwischen war ich von den Sondierungen und Exhumierungen vom Vorjahr, seelisch auf alles gefasst. Dieses Mal muss es wahr werden, es ist die letzte Hoffnung.

24.April 2003:
Am 24. April war ich mit dem VDK-Team in Indrikeni und trotz blauen Himmels war ein eisiger Ostwind ständig am Wehen. Die Störche waren da, aber der Frühling selbst war noch nicht erwacht. Der kleine schwarze Hund begrüßte mich wieder. Und hier muss ich jetzt etwas mehr persönlich meine Eindrücke schildern. Der Bagger begann laut Angaben des letzten Zeitzeugen, etwa 100 Meter vom Hof Indrikeni zu sondieren. Ich stand wie gebannt, doch er kam nach meinem "Traum" zu weit nach links und wir fanden nichts. Also da aufhören. Das ganze Team suchte einen Kartoffelacker ab, der sich unterhalb der Stelle von der vorjährigen Sondierung befand. Man fand Reste von Knochen und Material, was daraus schließen ließ, dass diese Dinge nicht vom Himmel gefallen waren. Nun fing der Bagger wieder an behutsam seinen Graben zu ziehen und schon nach kurzer Zeit stieß er auf den ersten Toten. So nahe waren wir im letzten Jahr. 5o Meter nur entfernt. Mein Blumentopf vom vorigen Jahr stand immer noch im Feld - verfroren waren die Rosen.

Nun ging alles sehr vorsichtig vor sich. Nach 5o cm Baggerarbeit ging es jedes Mal zur Handarbeit über. Schwerer Lehmboden und die Winterfeuchtigkeit darin, machten es nicht einfacher. Aber gegen Abend hatten wir 11 Soldaten gefunden und bei jeder Erkennungsmarke, die ans Tageslicht kam, blieb mein Herz stehen. Da waren sie alle -schwerverwundet ließen sie ihr Leben. Dabei frage ich mich jedes Mal - für was?

Wieder befand ich mich in einer andern Welt, mit Gedanken, die kein Mensch begreifen kann, wenn er nicht persönlich mit diesen Ereignissen verbunden ist. Es wurde spät und wir mussten für den Tag abbrechen.

25.April 2003:
Früh ging es wieder raus nach Indrikeni. Über Nacht kamen noch per E-Mail aus Kassel vom VDK und aus Berlin, Angaben und Verzeichnisse über die Gräber in Indrikeni. Bisher war das unbekannt. Es sollten also 38 Gräber laut neuesten Angaben sein. So wurde fortgesetzt, was wir am Vortag beendet hatten. Wieder war es ein eisiger Wind und ich fror innen und außen und die Erwartung spannte meine Nerven auf das Höchste. Alles ging mit äußerster Vorsicht vonstatten. Die so erfahrenen Mitarbeiter knieten in den Gräbern, um die Toten freizulegen. Das war Handarbeit im wahrsten Sinn. Und alles wurde registriert und liebevoll kam jeder Soldat in eine kleine Sargschale. Da kamen Stiefel, Sporen, Uniformreste, Verbände und kleine persönliche Besitztümer ans Tageslicht. Jede Schale wurde in einen blauen, nummerierten VDK-Plastiksack verpackt.

Indessen waren wir bei Grab 29 angelangt. Im nächsten sollte mein Mann sein. Der Umbettungsleiter stieß auf dicke Holzbohlen und es wurde gewahr, dass es sich um einen Sarg handelte. Als er ihn mehr ausgrub, war plötzlich viel Wasser im Graben, welches wohl des Sarges wegen nicht abfließen konnte. So wurde es erst etwas abgelassen, um daran arbeiten zu können. Nun wäre es an mir gelegen, mich abzuwenden, aber keine Macht der Welt hätte mich mehr von dem Platz wegbekommen. Seit dem 16. September 1944 wollte ich meinen Mann wieder haben. Ich wusste, was mich erwarten würde. Was ich nicht wusste bis zu diesem Augenblick, war, dass man ihn mit allen Ehren, in einem schweren Eichensarg begraben hatte. Das Holz war erhalten, lediglich der Deckel war eingefallen. Eichenlaub und Birkenzweige lagen außen und innerhalb des Sarges. Er hatte noch Socken an.

Ich stand am Grab und mit mir saß der kleine, schwarze Hund vom Hof, mit dem mich vom ersten Jahr eine besondere Freundschaft verband. Er sah abwechselnd ins Grab und dann mich an und in all der unheimlichen Trostlosigkeit war es gut, ihn neben mir zu haben. Er schien das alles zu verstehen. Handvoll für Handvoll wurde alles freigelegt, dann kam die Erkennungsmarke und sie bestätigte, es war mein Mann: Major Heiner Ochßner. Die Schulterstücke waren noch unversehrt, ein Teil Riemen der Pistolentasche, ein paar Metallfäden der Kragenspiegel und viele Verbände. Letzteres etwas unerklärlich, da er sofort tot war als er fiel und man gewöhnlich einem Toten keine Verbände mehr anlegt. Sein Kopf war in Verbänden, denn das war seine tödliche Verletzung. Und es linderte den so unendlich traurigen Anblick. Ich brauchte nicht in ein totes Gesicht zu sehen.

Da ich keine Worte mehr finde, um meine Gefühle zu beschreiben, möchte ich nur noch sagen, dass ich dann Abschied nahm. Gerne hätte ich noch Stunden neben dem kleinen Sarg verbracht. Es war der Höhepunkt, meinen Mann zu finden, aber unser Wiedersehen auch der Tiefste.

Schutzengel, a. D.


Nächsten Tag wurden noch 6 Tote geborgen und 2 scharfe Handgranaten, welche später von der lettischen Heimwehr zur Detonation gebracht wurden.

Das war nun das Ende meiner 3-jährigen Suche und ich bin sehr froh darüber, dass noch so viele Kameraden gefunden wurden. Nur 4 hatten keine Erkennungsmarke. Sie alle werden die nächsten Wochen in kleinen weißen Särgen nach RIGA-BEBERBEKI, auf den Soldatenfriedhof überführt. Dort finden sie dann ihre letzte Ruhe und es werden sich vielleicht noch Angehörige finden, die bislang vergeblich gesucht haben.
Ich selber kann dann endlich an einem Grab stehen, worauf ich so unendlich lange gewartet habe. Und meine lettischen Freunde werden dafür sorgen, dass er immer Blumen am Grab haben wird.

Noch ist alles so unwahrscheinlich, aber ich hoffe doch, dass der innere Friede kommen wird. Und wäre es nicht für all die Mühe des VDK`s gewesen und der Freunde in Lettland - der Hilfe, ich hätte meinen Mann nie wieder gesehen. Dafür bin ich für immer dankbar. Mir bleiben schöne Erinnerungen, Bilder und Geschichten aus unserem gemeinsamen Leben, Angehörige die mir vertraut sind und Freunde, auf die man bauen kann...

Dorle Ochssner

Canada, 6. Mai 2003

Schutzengel, a. D.
Indrikeni ……………….WO????????

Letzte Ruhestätte
Letzte Ruhestätte auf dem neuen Soldatenfriedhof in Riga - Beberbeki. Mai 2003





© Dorle Ochssner



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